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LEBEN IM THEATER: „DER GUTE TOD“ IN STRALSUND

LEBEN IM THEATER: „DER GUTE TOD“ IN STRALSUND

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Auf meinem Wochenend-Trip nach Stralsund habe ich mir die Premiere „Der gute Tod“, ein Stück des Niederländers Wannie de Wijn, angesehen. Das Stadttheater, ein wunderschönes Haus, liegt malerisch kurz vor dem Bodden. Alte Bäume säumen den Weg. Das Haus lädt zum Innehalten ein. Fast romantisch kommt es daher mit geschwungenem Treppenportal, herrschaftlichem Balkon, imposanten Kronleuchtern.

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Stadttheater Stralsund

Das Thema des Stücks hingegen, lud nicht unbedingt zum Verweilen oder leichtem Amüsement ein. Hier wurde selbst entschieden, dem Leben ein Ende zu setzen, die Frage in den Raum gespielt: Darf man das? Die Familie des schwerkranken Ben Keller, kapriziös von Marco Bahr umgesetzt, kommt am Vorabend des selbstbestimmten Todes zusammen, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Die Intuitionen sind verschieden: Kann man ihn noch umstimmen, weil man selber mit dem Verlust nicht klar kommt? Sind körperliche Schmerzen mehr Wert als emotionaler Verlust? Kann man nicht Gesagtes, noch einmal sagen? Kann man nicht gezeigte Liebe mit einer Umarmung bezwingen? Kann man familiäre Anerkennung durch krankenschwesterliche Fürsorge bekommen? Kann man einfach Auf Wiedersehen sagen und dem Tod somit die Magie des schicksalhaften, unbestimmten Zeitpunktes nehmen? Mit alltäglichen Banalitäten versucht die Familie ihre Fragen und Ängste zu bezwingen. Einzige Ausnahme in dem Versteckspiel, der autistische Bruder Ruben, dem Gedanken und Gefühle authentisch im Gesicht geschrieben stehen, unglaublich gespielt von Alexander Frank Zieglarski. Von den Anderen wird unverhältnismäßig Tee, Wasser, Kaffee und Alkoholika zu sich genommen, Handtücher und Jacken von A nach B geräumt, bis die Zeit endgültig davon zu laufen scheint. Plötzlich wird die Bühne zum Wohnzimmer. Die Bühne von Giovanni de Paulis minimalistisch umgesetzt, erlaubt mit großer Fensterfront erholsame Blicke in einen petrolblauen Himmel. Es regnet endlos. Der Berliner Regisseur Hannes Hametner hat es geschafft, die Zuschauer mit in die Familie zu holen. Wir sitzen mit ihnen im Wohnzimmer, buhlen um die letzte Aufmerksamkeit des Kranken, erleben Rückblicke auf das Leben mit. Zur Pause war kein Applaus durch das Publikum möglich, zu sehr gehörte man zu der Familie. Man applaudiert sich nicht selbst. Stille machte sich breit und zog sich bis zum Ende des Stückes, wo die tödliche Injektion eingeflößt wird. Die Familie ist stumm und wartet, das Publikum wartet. Die Zeit ist stehen geblieben. Es ging an die Grenze des Aushaltbaren: die Stille, das Nichts, jeder für sich allein. Das war ein Moment echten Lebens.

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Regisseur Hannes Hametner und Giovanni de Paulis (Bühne & Kostüme)

Stadttheater Stralsund, Olof-Palme-Platz 6, 18439 Stralsund, Nächste Vorstellungen: 27. April, 19.30 Uhr/ 4. Mai, 19.30 Uhr/ 11. Mai, 19.30 Uhr, Stadttheater Greifswald: Premiere, 25. Mai, 19.30 Uhr/ www.theater-vorpommern.de

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