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A MOMENT WITH: ANTJE WIDDRA & FRIEDERIKE PÖSCHEL

A MOMENT WITH: ANTJE WIDDRA & FRIEDERIKE PÖSCHEL

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 Im „Wohnzimmer“ am Helmholtzplatz bin ich mit den beiden Schauspielerinnen Antje Widdra und Friederike Pöschel verabredet. Aktuell sind sie in dem Theater-Stück „Entkommen mein Engel!“ nach dem Briefroman von Honoré de Balzac „Mémoires de deux jeunes mariées“ im Theater unterm Dach zu sehen.

Die gebürtigen Ostberlinerinnen sind im wirklichen Leben „längste“ Freundinnen. Sie kennen sich aus der Theatergruppe des ehemaligen Pionierpalastes. Über zwanzig Jahre sind vergangen, bis sie jetzt wieder zusammen auf der Bühne stehen. Verschiedene Engagements, Ausbildungen trennten beruflich ihre Wege. Schauspieler haben Nomaden-Blut. Cover Neues Bild_3

Das von den Beiden selbst produzierte Stück „Entkommen mein Engel!“ beschreibt eine Frauenfreundschaft im 19. Jahrhundert. Louise und Renée sind seit der Klosterzeit miteinander befreundet. Louise (Antje Widdra) aus reichem Adelshaus geht nach Paris, kann es sich leisten, die leidenschaftliche Liebe zu suchen, keine Kompromisse zu machen. Renée (Friederike Pöschel) muss eine vorbestimmte Ehe auf dem Land eingehen und versucht sich zu arrangieren, ihr Glück im Heim und als Mutter zu finden. Natürlich sind Männer, Liebe, persönliches Glück, Konkurrenzgefühle, Sehnsucht wichtige Themen in den Briefen, die sich Renée und Louise schreiben.

Ich habe den Anlass genutzt und mich mit Antje Widdra und Friederike Pöschel auch über Frauenfreundschaft im Hier & Jetzt zu unterhalten.

Stehen wir Frauen heute  noch vor der Entscheidung, wie sie im Roman von Balzac formuliert ist: Liebe oder Sicherheit?

 Friederike: Die Frage ist, was ist Liebe? Nur Leidenschaft? Ist es nicht Vertrauen und Sicherheit in den Partner?

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Antje Widdra & Friedericke Pöschel

Bei uns gibt es ja keine vorbestimmten Ehen mehr in dem Sinne. Wofür müssen sich Frauen heute entscheiden?

 Antje: Die Glücksmöglichkeiten sind heute so vielfältig.

 Friederike: Die Wahl ist viel größer.

 Antje: Die Qual sind die vielen Möglichkeiten, sich überhaupt für etwas zu entscheiden und sich auch dazu zu bekennen. Die Möglichkeit sich einen Mann zum Freund zu machen- mit viel Zeit- so wie es Renée in dem Stück tut, die gibt es heute gar nicht mehr.

 Friederike: Noch nicht lange können Frauen wählen oder finanziell unabhängig sein. Sich entscheiden, wählen können ist positiv und hat auch quälende Momente.

 Antje: Genau. Dann stellt sich die Frage: Warum musste ich den jetzt verlassen, da kommt ja doch nichts Anderes oder Besseres? Alles muss ideal sein, auch die Ehe. Wir sind nicht frei davon. Es gibt die unbestimmte Sehnsucht.

Friederike: Klar, hat man den Wunsch nach einer Familie: Vater und Mutter verstehen sich, das Kind wächst schön auf.

Wo liegt heute die Konkurrenz, der Neid unter Frauen?

 Friederike: Wenn eine Frau Karriere und Kinder hat, nen Mann und ein Haus in der Uckermark, feste Rollen und im Polizeiruf mitspielt. Ja, auf Frauen die Familie und Karriere schaffen.

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Antje Widdra als Louise

Antje: Ja, wenn eine Karriere macht, tolle Schuhe anhat, den Kinderwagen über den Kollwitzmarkt schiebt und Biolachs kauft, dann denke ich, die hat es geschafft. Aber das ist auch positiv. Konkurrenz ist wichtig, durch den Vergleich macht man selber mehr.

 Friederike: Ja Antje ist mir auch ein Beispiel. Ich vergleiche mich auch mit ihr.

Ist Liebe für Euch ein wichtiges Thema?

 Friederike: Total.

Antje: Das war damals anders. Die Renée zum Beispiel war nur für den Mann da, das Gefäß für den Mann. Das Männerbild hat sich geändert. Ich bin schon eine Romantikerin und kann monatelang damit verbringen, verliebt zu sein. Das ist aber heute kein Ersatz mehr, früher war ich da ungesünder.

 Friederike: Ich bin seit 17 Jahren mit einem Mann zusammen. Wir haben uns bewusst gegen das Heiraten entschieden, wir fühlen uns aber so, im positiven Sinne. Es geht ja darum, die Leidenschaft am Leben zu halten. Da gibt es unterschiedliche Phasen oder auch die Frage: Muss ich eigene Wege gehen? Das ist ein Wechsel von „Es ist ungenügend“ und „Totalem Glück“.

 Antje: Das ist jetzt sehr „Renéeisch“.

Kennt ihr Neid auf Freundinnen?

 Friederike: Ja, aber ich unterdrücke das.

 Antje: Ja, wenn es sich anstaut, kommt man an die Wurzeln.

 Was macht Freundschaft für euch  aus?

 Antje: Vertrauen. Vielleicht ist sie das einzig beständige Band. Wie viele Engagements, Affären, Streits man schon hatte, aber die Freundschaft hält.

 Friederike: Das ist ein Stück über eine Freundinnenschaft. Wir sind Freundinnen.

Glaubt ihr an lebenslange Freundschaften?

 Antje: Ja, mit Krisen.

 Friederike: Ja.

 Antje: Man kann sich entfernen. Es liegt an der Basis, ob man wieder zueinander findet.

 Friederike: Es gibt auch Phasen von Ferne. Aber die gemeinsame Vergangenheit ist die Basis, dann ist es wie früher, man tauscht sich aus, was einen bewegt.

 Antje: Ich bin da radikaler mit Brüchen. Wenn mir ein Mensch nicht mehr gut tut, kann ich mich auch von Freundinnen trennen. Dann will ich Klarheit. Freundschaft heißt auch Anstrengung: Man muss was gemeinsam erleben.

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Friedericke Pöschel als Renée

 Friederike: Ja, wie wir  mit unserem Beruf, immer unterwegs. Aber dann besuchen wir uns. Eine Freundin besucht man!

Verändert sich Freundschaft, wenn die Freundin Mutter wird?

 Friederike: Oh ja, man denkt, jetzt ist die Freundin weg, die Möglichkeiten schwinden, kein Kino, Theater, abends ausgehen, gerade in den ersten Jahren. Das Lebenselixier kann nicht mehr geteilt werden und meine Basis liegt nun mal im Abend. Man braucht Geduld. Da habe ich auch Verlustgefühle. Da fühlt man sich schnell aus dem Mikrokosmos verstoßen.

Würdet ihr für einen Mann alles stehen und liegen lassen?

 Antje: Nicht mehr.

 Friederike: Weiß ich nicht.

Wie wichtig ist euch euer Beruf?

Antje: Die Schauspielerei ist das Beste, was ich kann. Vielleicht gibt es mal was, das ich besser kann.

 Friederike: Mein Beruf bedeutet mir viel. Aber ich arbeite daran, mich nicht nur über den Beruf zu identifizieren. Ich will gut mit mir sein.

Wie wichtig ist euch Selbstverwirklichung?

Antje: Mein Thema ist gerade, wie kann ich mich zurück nehmen.

 Friederike: Für mich ist es das, wenn ich mich glücklich fühle.

Die Figur der Renée muss ihre eigenen Wünsche unterdrücken, stattdessen im Mutterglück aufgehen, Friederike glaubst Du,  dass so was funktioniert?

 Friederike: Ja, ich glaube, das geht. Das kann ein Ersatz sein.

Machen wir Frauen uns selber zuviel Druck?

Neues Bild_15 Antje: Ich denke schon. Frauen verlangen zuviel von sich.

 Friederike: Ja.

Verliebt Ihr euch schnell?

 Antje: Ja.

 Friederike: Kann auch nur mit ja antworten.

Ersatzbefriedigungen, wenn Liebe fehlt?

 Antje: Shoppen.

 Friederike: Tanzen.

 Antje: Würde auch lieber tanzen, um besser auszusehen.

 Friederike: Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, würde auch lieber shoppen.

Ersatzbefriedigungen, bei Sehnsucht nach einer eigener Familie?

 Friederike: Freunde mit Kindern besuchen. Dann bin ich Tante Frieda.

Ist es okay zu sagen: Ich will alles vom Leben?

 Friederike: Das finde ich toll, ich will das Leben ausschöpfen, einen Anspruch auf Glück haben. (Friederike haut mit der Faust auf den Tisch.)

Antje: Es kommt auf das „Wie“ an, sonst geht man über Leichen.

Wie wichtig sind Männer in Frauengesprächen?

Antje: Hauptthema.

Friederike: Viel zu viel.

Was sagt ihr zu dem Zitat von Renée: „Liebe mag unerschöpflich sein, Leidenschaft ist es nicht.“?

 Antje: Balzac halt.

 Friederike: Leidenschaft erschöpft sich. Danach fangen die Probleme an.

Louise sagt, die Hoffnung ist köstlicher als der Besitz.

 Antje: Das ist zwangsläufig so, wenn man hat, was man wollte. Sehnsucht ist stärker als Besitz.

 Friederike: Vorfreude ist größer, als die über die Geschenke.

Eine Frage noch: Was ist Stil für Euch?

 Friederike: Ich glaube nicht, dass ich einen bestimmten habe. Aber ich mag es sehr, Frauen zu sehen, die Spaß am Ausdruck mit der Kleidung haben. Ich bin zu pragmatisch. Ich weiß, was mir steht, kümmere mich nicht weiter darum. Keine Koketterie. Antje ist stilvoller.

 Antje: Ich habe Freude an der Mode und ihrer Unterschiedlichkeit. Mode ist eine tolle Kunst und Spaß. _Antje

 

Entkommen, mein Engel!

Schauspiel frei nach dem Briefroman„Mémoires de deux jeunes mariées“ von Honoré de Balzac

(Mit Antje Widdra/ Friederike Pöschel, Regie, A. Schröder, Produktion: Antje Widdra/ Friederike Pöschel)

Nächste Aufführungen: Do, 30.Mai und Fr, 31.Mai 2013, 20.00 Uhr

THEATER UNTERM DACH/Danziger Str. 10, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg

www.theateruntermdach-berlin.de

 Antje Widdra: Studium Hochschule für Musik und Theater, Leipzig/ Theater-Engagements u.a. Mainfrankentheater Würzburg, Schauspielhaus Dresden/Eigene Theater-Produktionen, u.a. „Scene bites I spezial edition familie“, Berliner-Sophiensäle/Film- & TV-Rollen wie im „Tatort“, „Selbstgespräche“ (R: A. Erkau)

Friederike Pöschel: Studium Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, Berlin/ Theater-Engagements u.a. Konstanz, Nationaltheater Mannheim, Bremer Theater, Stadttheater Bern, Moskau

 

 

2 Comments on “A MOMENT WITH: ANTJE WIDDRA & FRIEDERIKE PÖSCHEL

  • eine Anmerkung zu Balzac:
    „Die Hoffnung ist köstlicher als der Besitz“

    Oskar Wilde sagte sinngemäß, dass die Zigarette das vollendete Bild des Genusses sei- sie ist köstlich und läßt uns unbefriedigt.
    Ist es mit der Liebe nicht ähnlich?
    Besitzen und Hoffen fallen in Eins.
    Die Liebe ist der Moment (!), von dem man möchte, dass er immer dauert. Aber man besitzt ihn/sie nicht.

    Danke für den schönen post.

    Reply

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