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A MOMENT WITH: ALEXANDER BARRÉ VON ZEHA BERLIN

A MOMENT WITH: ALEXANDER BARRÉ VON ZEHA BERLIN

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Um es anfänglich kurz zu machen, denn Alexander Barré von Zeha Berlin hatte wirklich interessante Sachen zu erzählen, ich wollte als ehemaliges DDR-Kind eigentlich immer West-Turnschuhe haben. Zeha-Schuhe, die mit den zwei Doppel-Streifen, waren die typischen Sportschuhe des Ostens. Umso phänomenaler ist die Story, die hinter dem Label Zeha Berlin steht, das aus den Sportschuhen made in GDR, eine Schuh-Marke etabliert hat, die Sneakers, Streetwear-Kollektionen, Urban Classics, Accessoires designt und produziert und mit fünf Stores in Berlin präsent ist. Jedes mal wenn ich an einem Zeha Berlin Store vorbeikomme, freue ich mich, weil es cool ist, dass Berliner an ihre Ideen & Visionen glauben und man zusehen kann, wie das Label wächst.

Weil Alexander Barré, der Geschäftsführer von Zeha Berlin, einen vollen Terminkalender hat, habe ich ihn in seinem Office in der Heinrich-Roller Straße besucht. Zwischen Liebhaberstücken aus den 50er Jahren, Schuh-Kartons, Whiteboards mit Zahlen & Pfeilen, habe ich den Eindruck, dass Alexander Barré ganz froh ist, eine Pause zu machen, er gönnt sich einen Kaffee, verdreht kurz die Augen, wie um sich selbst Entspannung zu verordnen und ist dann komplett da.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, die Marke Zeha, die die Wiedervereinigung nicht überlebt hat, neu zu gründen und 2004 eine neue Zeha-Kollektion zu produzieren?

Ein Freund von uns bekam mal alte Zeha-Turnschuhe geschenkt und wurde danach unglaublich oft gefragt, wo er die her hat, Mensch die kenne ich ja auch noch, usw.. Da ist ein Funke gesprungen.

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Wie lange hat es von der Idee bis zum ersten Schuh gedauert?

Alles in allem ein Jahr. Unser Wissen haben wir aus einem Schuh-Lexikon geholt, wie macht man Schuhe, was braucht man dafür, wo kann man sie herstellen. Wir sind dann ins thüringische Heimatmuseum der Stadt Weida gefahren, wo Carl Hässner 1897 die Schuh-Marke Zeha gegründet hatte. Da haben wir echte Schätze gefunden: alte Modelle, Bildmaterial. Wir kannten ja nur die typischen Sportschuhe, aber da waren Modelle im 50`s und 60`s Style für die verschiedensten Sportarten. Per Zufall haben wir den ehemaligen Produktionsleiter kennengelernt und auf dem Dachboden des Museums alte Schuh-Leisten und Lederschäfte gefunden. Zu Weihnachten 2003 hatten wir dann die ersten 43 Paar Schuhe in drei Styles und verschiedenen Farben produziert und im BERLINOMAT verkauft.

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oben Zeha Berlin Carl Hässner Collection & unten Original Zeha aus den 50ern

Was hast du ursprünglich gelernt?

Ich habe Maschinenbau studiert, danach auf dem Messebau gearbeitet, war im Booking und dann kam der Plan: Schuhe machen und verkaufen.

Wieso habt Ihr als „Ostberliner-Jungs“, damals war Torsten Heine noch dabei, daran geglaubt, dass ein DDR-Turnschuh das Zeug zum Comeback haben kann?

Weil er ästhetisch schön ist. Es kommt nicht darauf an, dass ein Schuh drei oder vier Streifen hat, klar geht es um Markenbekanntheit und nicht alle kennen den Zeha-Schuh und dass er zwei Doppel-Streifen hat. Aber wir wollten die Marke ästhetisch wiederbeleben und was ganz wichtig ist, richtige Leder-Sneakers machen und keine Fake-Schuhe. Zeha Berlin sind Leder-Schuhe, Leder-Sneaker. Am Anfang haben wir sogar versucht den thüringischen Standort aufrecht zu halten, aber das ging gar nicht. Die Schumacher-Tradition dort war ausgestorben und ästhetisches Empfinden nicht vorhanden. Wir produzieren jetzt in Portugal und der Slowakei.

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Zeha Schuhe im Kegelbahn-Einsatz

 Wo kam der unternehmerische Mut her?

Aus unserem Schuh-Lexikon. Wir brauchten ja neue Leisten, die aus den 50er und 60er Jahren konnten wir nicht mehr verwenden, die Füße waren damals schmaler. Wir sind in Pirmasens bei dem erfahrenen Leistenbauer Herrn Motsch, der schon für Adi & Rudolf Dassler gearbeitet hat, vorbeigefahren. Herr Motsch fragte uns, ob wir auch wissen was wir hier machen und sagte: „Ihr macht das nur, weil ihr nicht wisst, worauf ihr euch einlasst. Wenn jemand zu euch in der Schuh-Branche sagt, kein Problem, dann habt ihr ein Problem.“ Herr Motsch hat uns die Leisten geschenkt und viel Glück gewünscht. An seinen Satz habe ich oft gedacht: Kein Problem, dann ist eins da. Schuhe sind ein schwieriges Thema. Es geht um Qualität, den bewussten Umgang mit dem Material, Leder.

Wie habt ihr die erste Produktion finanziert?

Wir haben unser eigenes Geld reingelegt und Freunde haben geholfen.

 Ab wann war der Punkt da zu sagen und jetzt aber richtig?

 Am Anfang 2004/2005 hatten wir Probleme mit der Qualität. Das Geld war alle. Wir hatten das Glück, jemanden kennen zu lernen, der Zeha Berlin unterstützt hat. Zeha Berlin war unser Baby, ist es immer noch, da will man sehen, dass es ein Teeny wird. Zur Fußball WM 2006 haben wir die Carl Hässner Schuhe wieder aufleben lassen und eine Kooperation mit Jürgen Sparwasser gemacht, das hat uns einen Schub gegeben. 2007 sind die Urban Classics Kollektionen dazu gekommen. Das ist ein neuer Markt und hat neue Kunden potenziert. Mit den Urban Classics Kollektionen bin ich total happy, weil ich privat nicht nur Sneakers tragen will. Mit jeder Urban Classics Kollektion habe ich jetzt tolle Schuhe zu 100% aus Leder, durchgenähten Sohlen und Kalbsfutter.

Was ist wichtiger Visionen oder unternehmerisches Geschick?

Man braucht Beides. Ohne Visionen kannst du nichts aufbauen, ohne Ziele kannst du den Weg nicht beschreiten, aber ohne unternehmerisches Geschick hast du keinen Erfolg. Berliner Label werden ja außerhalb von Berlin belächelt, nach dem Motto, die sind kreativ, schaffen es aber sowieso nicht. In Berlin gibt es keinen Support für kleine Label. Ohne gute Kontakte hat man es sehr schwer und kann nichts aufbauen. Es ist ein Teufelskreislauf, die Lieferanten wollen Vorkasse und und und. Kalkulation ist wichtig. Bei uns wird jeder Schuh durchgegangen, kalkuliert.

Wer macht bei euch das Design?

Bis 2009 habe ich das gemacht. Ich wollte ja eigentlich mal Industrie-Design studieren, habe mir das an der HdK auch angeguckt, das hat mir nicht gefallen, ich dachte wozu das Ganze. Seit 2009 leitet Antonia Bello unser Design-Team, sie hat Fashion-Design studiert, aber ich schaue immer noch mal drüber.

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Zeha Berlin Mitte Store photo © Franziska Lusatis

 Hast du ein Privatleben?

 Auch anbei, seit zehn Jahren. Ich mache zwei Wochen Urlaub im Jahr.

 Wie viele Stunden arbeitest du am Tag?

Man hat mehr zu tun, als man Zeit hat. Man will sich ja um alles kümmern um die Mitarbeiter, die Läden, die Produktion. 12 Stunden am Tag. Gestern habe ich zum Beispiel in unserem Laden in Kreuzberg mit verkauft. Alle vom Design arbeiten mal in den unterschiedlichen Läden. Man ist nah am Geschehen, merkt was suchen die Leute. Man ist an der Basis und kann die Mitarbeiter besser verstehen, wenn sie sich über einen Hocker beschweren und ich dann persönlich merke, ja der Hocker ist wirklich Scheiße. Ich bin dann der Hausmeister an den Tagen, kriege Ideen für die Deko und, und … SAMSUNG CSC

 Was ist für dich Entspannung?

Ich fahre gerne an den Wochenenden in den Spreewald in einen Bungalow ohne Internet und Handyempfang. Ruhe ist für mich Abwechslung. Und Familie natürlich.

Glaubst du, dass die Zeha Geschichte nur so in Berlin möglich war?

Eigentlich stehen wir immer noch am Anfang. Der Berliner Standort hilft, weil Berlin im Ausland angesagt & hipp ist. Außerdem bin ich Berliner, dass ist auch meine Geschichte. Touristen kaufen unsere Schuhe sehr gerne, das ist für sie Berlin und gleichzeitig cool. Erfolgsgeschichten aus Berlin sind ja selten. Zeha Berlin steht für eine Berliner Marke, die Zeha Geschichte ist interessant, weil es eine gibt.

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Zeha Berlin, Streetwear-Collection

  Eure Stores sind thematisch:

Jeder Laden ist ein Teil von Zeha Berlin und hat ein eigenes Motto. Der Laden in Mitte ist wie ein Turnsalon mit Umkleidespinden, der in der Friesenstraße wie eine Werkstatt unter dem Motto Handwerk, der in Schöneberg wie ein 50er Jahre Wohnzimmer. In Hamburg planen wir im nächsten Frühjahr einen Laden im Look einer alten Schuhfabrik, um zu zeigen, wie Schuhe in Handarbeit hergestellt werden.

Der perfekte Schuh?

Den gibt es nicht, deswegen habe ich 60 verschiedene Paare zu Hause. Ich liebe Schuhe, ich schaue allen Leuten auf die Füße. 90 Prozent laufen mit schlimmen Schuhen rum. Das wichtigste Accessoire sind Schuhe, dass wird oft unterschätzt. Schuhe verstärken, was du anhast. Ich investiere in gute Lederschuhe.

 

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Zeha Berlin, Urban Classics Men Collection

 Die Vorteile von Selbstständigkeit?

Ich war noch nie angestellt, kann es mir auch nur schwer vorstellen, obwohl es sicher manchmal komfortabler ist und man ruhigere Nächte hat. Hier habe ich Verantwortung für über zwanzig Mitarbeiter. Aber ich freue mich riesig, wenn ich Zeha Berlin Schuhe auf der Straße sehe. Vor kurzem war ich mit unserer Design-Chefin Antonia auf dem Madrider Flughafen und sie meinte: „Guck mal nach rechts.“ Ich antwortete: 404er, blog ebony.

Machst du Sport?

Ja ich versuche es: Squash, Skaten am Müggelsee, eine Rund im Wald machen, man fühlt sich erschöpft und positiv, entspannt. Es macht mich ruhig. Katamaran segeln mach ich auch ab und zu.

Was ist Berlin für dich?

Tja. Meine Heimatstadt, ich lebe hier sehr gerne. Die Größe der Stadt, die Breite der Straßen, das Grün, die Vielfalt von Bezirk zu Bezirk, das Lebensgefühl ist unfassbar spannend und verschieden: von der türkischen Lebensweise in Kreuzberg, der Gentrifizierung in Neukölln, von einem Bruch in den nächsten, das ist so ausgeprägt wie sonst kaum in Deutschland.

Merci Alexander!

ZEHA BERLIN

Mitte-Store
Brunnenstraße 195
10119 Berlin
Mo – Fr 12.00 – 20.00/Sa 11.00 – 19.00

 

 

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