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SPIEGEL IN DER VOLKSBÜHNE: GLANZ UND ELEND DER KURTISANEN

SPIEGEL IN DER VOLKSBÜHNE: GLANZ UND ELEND DER KURTISANEN

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Ich habe Balzacs Roman nicht gelesen. Der Titel des Volksbühnen-Plakates am Stromkasten hat mir gefallen. Programmhefte sind meine Hintertür. Für die Inszenierung von René Pollesch ist es ein Notiz-Heft mit gereichtem Bleistift. Auf Erläuterungen & Rollennennung wird verzichtet. Ein theoretischer Hinweis auf der letzten Seite, dass Programmzettel passiv machen. Ich denke: Na ich weiß ja aus dem Tatort, wie Martin Wuttke aussieht.

Programmheft

Um es kurz zu machen: Ich konnte nicht folgen. In anderthalb Stunden habe ich öfters über eine geistige Fehlpolung meinerseits nachgedacht. Man debattiert über Schauspiel-,  Theater- und Inszenierungs-Theorien: Alle wären nur bei sich selbst. Die Schönheit der Geste im öffentlichen Raum fehle. Ja sogar das Rauchen wolle man verbieten.

Geraucht wird auf der Bühne ohne Ende. Zigarettenwitze ziehen sich durch den Abend. Gesetze zum Nichtraucherschutz gibt es seit 2007 denke ich und habe keine Lust über alte Witze zu lachen. Die Bühne- schwarz glitzernd- ist ein großer Spiegel. Die fünf Schauspieler spiegeln sich: Mit Worten, Monologen und in echt.  Fragen wie: „Warum denken alle, es geht um den Ausdruck des Selbst? Warum diese Stille im Zuschauerraum? Warum spielen die nicht? Was ist denn das?“ Da wird gelacht, eine Aufforderung zum Mitmachen.

Zigaretten

photo © Leonore Blievernicht

Es gibt viele Ebenen, manchmal wird was von Balzac erzählt, zwischendurch fordert Martin Wuttke in der Rolle eines „Regisseurs/ Inszenierers“ (den Rollen-Namen habe ich nicht verstanden) zur Auflockerung mit kollektiven Turnübungen auf, an denen er nicht teilnehmen kann, weil er raucht.

French Pop zur Erholung. Ach, die Bühne hat einen glitzernden Lametta-Vorhang, in dem ich versinke und vom Ende träume. Neben mir sitzt ein frisch gedatetes Paar. Sie lacht ab und an, wenn sich Martin Wuttke auf der Bühne verrenkt, wie im Slapstick des frisch erfundenen Varieté-Stumm-Films mit einem Heißluftballon tanzt, um mit nach oben zappelnden Beinen in ihm zu versinken. Begeisterung im Saal. Wäre die auch da, wenn ein Schauspielstudent seine Übungen machte, oder ist das Illustre, dass es eben Martin Wuttke ist? Der Partner meiner Nachbarin versucht sich an einer Rückenmassage.

Wuttke

photo © Leonore Blievernicht

Neues Thema: Der Körper. Die Darsteller wollen sich seiner sicher sein, fassen sich gegenseitig an den Po, den Rücken: „Wo der Körper ist, kann ich nicht hingehen.“

Kinder merken dass auf dem Weg zum Kindergarten, wenn sie auf ihre Schatten treten wollen. Weiter geht’s mit einer Personalpronomen-Debatte. Kreisende Fragen: Wer bin ich? Wie siehst du mich? Wen sehe ich in dir: „Wir-Sie-Ich-Mich-Du-Ihn-Er?“

„Der-Die-Das“,  wieso, weshalb warum, summe ich weiter. Vielleicht ist es Balzac, als es darum geht, wer mit wem ein Verhältnis hat, wer wem seine Karriere, Liebe verdankt. Über Wahrheit wird laut nachgedacht: „Wahrheit ist nicht zu gebrauchen, nur Lüge kann zweckfrei existieren.“ oder „Glanz liegt einsam und verlassen da, nicht das Elend.“

Entspannend finde ich es, als der Heißluftballon Musical-Like wie „In 80 Tage um die Welt“ mit lautem Getöse über der Bühne schaukelt. Die Erklärung folgt auf dem Fuß: Dass sei ein künstlerischer Fehler gewesen, so würden Emotionen transportiert. Gefühle entständen durch Verachtung mit dem, was wir nicht sein wollen. Ich fühle mich wie an der Uni in einem Theaterwissenschafts-Seminar. Die Lehrsätze zum Schluss:

„Recht auf Privatheit muss Recht auf Verbrechen sein.“

„Die Liebe ist dem Zufall entgegengebrachtes Vertrauen.“

„Nichts ist mehr außen….selbst Tatoos wandern nach innen.“

Der Vorhang fällt. Der Saal tobt. Ich will mich nicht doof fühlen und klatsche mit. Vielleicht werden so Wahlen gewonnen. Applaudiert man sich selber, damit man das Gefühl hat, einen guten Abend gehabt zu haben? Ein Satz blieb mir noch hängen: „Lüge und Betrug ist eine gute Idee. Dann lächeln wir eben, wenn wir betrogen werden.“

Exit_2

GLANZ UND ELEND DER KURTISANEN

von René Pollesch nach Balzac

MIT: Franz Beil, Christine Groß, Birgit Minichmayr, Trystan Pütter, Martin Wuttke

Nächste Vorstellungen: 15. und 28. September, 6. und 13. Oktober 2013/ 19.30 Uhr

VOLKSBÜHNE

Am Rosa-Luxemburg-Platz

10178 Berlin

www.volksbuehne-berlin.de

 Vorhang

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