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FRAUEN & SEHNSUCHT : DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT AN DER SCHAUBÜHNE

FRAUEN & SEHNSUCHT : DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT AN DER SCHAUBÜHNE

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Frauen haben viele Gesichter. Manche sind echt, manche gespielt. Frauen können Freundin, Mutter, Ehefrau, Geliebte, Schwester, Tochter, Konkurrentin sein. Sie können ihren Tonfall und Lachen von einem Moment auf den Anderen ändern. Je nach dem, mit wem sie es zu tun haben. Manche Frauen mögen das Spiel der Liebe, wenn sie gewinnen. Andere fühlen sich von Anfang an in der devoten Rolle zu Hause. Frauen möchten gern einmal die Einzige sein. Ich frage mich ab und an, wie wir es schaffen, das Rollen-Karussell am Laufen zu halten. Am Besten kommen vielleicht die Frauen klar, die so wenig wie möglich spielen, nicht zu viele Eisen im Feuer haben, über Eventualitäten nicht lange nachdenken.

Strasse

„Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von Rainer Werner Fassbinder (Regie: Patrick Wengenroth) läuft an der Schaubühne. Der Saal ist nicht sehr groß. Man hat das Gefühl, bei Petra von Kant im Schlafzimmer zu sitzen.

Petra von Kant bemüht sich, ihre Rollen zu spielen: erfolgreiche Mode-Designerin, die gerade eine gescheiterte Ehe hinter sich, ihren Mann in der Erfolgs-Welt überrundet hat. Sie fühlt sich allein. Jule Böwe als Petra von Kant braucht dafür nicht viele Gesten, sie ist erstarrt, kalt. Wie ein indischer Gott bewegt sie ihre Arme, man denkt sie hätte viele davon, um ihre wenig freundlichen Anweisungen an das Dienstmädchen Marlene (Patrick Wengenroth) zu geben.

Petra von Kant und ihre Freundin, die sich gegenseitig an Gesichtsfarbe, Gewicht, Tonfall analysieren können: Wer von ihnen steht besser da? Freundinnen, die Schadenfreude als angenehme Begleiterscheinung betrachten.

Die bitteren Traenen der Petra von Kant

Lucy Wirth & Jule Böwe © Gianmarco Bresadola

Petra von Kant als Liebende, die der jungen Karin (Lucy Wirth)- einer gestrandeten Schönheit ohne Mittel und Kontakte, verfällt. Aus der Position der Mächtigen, die Sicherheit und Karriere ermöglicht, greift sich Petra von Kant die Liebe. Dafür will sie Hingabe, Sex, dass man ihr sagt: „Ich liebe dich.“

Die bitteren Traenen der Petra von Kant

Lucy Wirth & Jule Böwe © Gianmarco Bresadola

Das kann Karin nicht: „Ich mag dich auch sehr“, presst sie nach Aufforderung heraus, genauso wie sie andere Männer braucht. Alkohol hilft beiden. Petra von Kant ist eine Flüchtende. Wenn sie keine emotionalen Hochs haben kann, liebt sie das Reisen, genauso wie Versprechen, die sie gibt, um sich an etwas halten zu müssen. Petra von Kant möchte angelogen werden, in ihrer Illusion leben können. Sie schwankt zwischen Wegstoßen und Betteln, Verlust und Rachegelüsten: „Fahr die Karin zum Flughafen. Ich bin zu besoffen.“, um danach zu schreien: „Ich mach dich fertig.“

Die Frauen tragen schwarze Bustiers, Strapse, Pailletten-besetzte Jeans-Shorts, Korsagen. Man sieht viel nackte Haut und erotische Körperbewegungen: leidende Frauen halbnackt, auf weißem Teppich rekelnd, auf allen Vieren und schreiend. Das finde ich schade. Frauen leiden oft still. Leiden ist nicht sexy.  Vielleicht ist es das Leiden der Frauen aus Männer-Sicht.

Gaby

Iris Becher © Heiko Schäfer

Alle wollen sie Aufmerksamkeit im Zickzack der Beziehungen. Die Tochter Gabriele (Iris Becher) kommt aus dem Internat und fragt scheinbar ahnungslos: „Ist Karin nicht da?“ Die Tochter genießt den Schmerz ihrer Mutter, genauso wie sie unter ihrem Desinteresse leidet. Frauen kriegen wieder, was sie nicht geben.

Iris Becher ist ein Traum. Sie steht im gelben Rüschenjabot-Kleid auf der Bühne, mit blauschwarzem Haar, kirschrotem Mund, an Schneewittchen erinnert sie. Sie spielt leise mit kindlicher Naivität, bewegt ihre großen Augen langsam hin und her. Ich denke, gleich fangen Möbel an zu fliegen. Singend fragt sie Petra von Kant: „Wie viele Menschen waren denn glücklich, dass du gelebt…und die Trauer macht dich stumm, weil du es nicht weißt.“

Schaubühne_2DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT

von Rainer Werner Fassbinder

Regie: Patrick Wengenroth

MIT: Jule Böwe, Lucy Wirth, Iris Becher, Patrick Wengenroth

Nächste Vorstellungen: 1., 2., 21. Oktober 2013/ 20.00 Uhr, 22. Oktober 2013/ 20.30 Uhr

SCHAUBÜHNE AM LEHNINER PLATZ

Kurfürstendamm 153

10709 Berlin-Charlottenburg

www.schaubuehne.de

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