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A MOMENT WITH: MIA FLORENTINE WEISS

A MOMENT WITH: MIA FLORENTINE WEISS

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In der Galerie Epicentro art in der Joachimstrasse bin ich mit der Performance Künstlerin Mia Florentine Weiss verabredet. Ich fahre mit dem Fahrrad über die Auguststrasse, offene Galerien, eine besondere Stimmung liegt in der Luft, die Berlin Art Week hat begonnen. Als ich in der Galerie Epicentro art ankomme, ist man noch mit den letzten Arbeiten für die Eröffnung der Ausstellung „Symposium 3.7“ beschäftigt. Ein Dackel läuft durch die Galerieräume und Mia Florentine Weiss meint bei der Begrüßung, dass sie gleich eine Dackel-Performance machen wird. Sie sagt, der Dackel sei für sie, was der Hase für Joseph Beuys ist.

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Der Dackel kommt für einen kurzen Moment in einen Inkubator. Ich brauche einen Augenblick, um mich zu erinnern, was ein Inkubator (auch Brutkasten genannt) ist. Mia Florentine Weiss erzählt, dass in der ehemaligen DDR der Dackel Jahresendflügelpuppe genannt wurde. Nach Minuten fällt mir ein, dass die westdeutsche Legende umhergeht, dass Ostdeutsche zu ihrer Weihnachtsdekoration Jahresendflügelpuppe gesagt haben sollen. Das kann ich aus dem Berliner Raum nicht bestätigen. In der Ausstellung sind Porzellan-Dackel mit Flügeln zu sehen, der Bogen zu Weihnachten und dann ja auch zu Beuys ist da.

Mia Florentine Weiss ist eine große, schlanke Frau. Man sieht ihr an, dass sie eine kosmopolitane Reisende ist. Zehn Jahre war sie in der Welt unterwegs und stellte Menschen die Frage: „What is your place of protection?“

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Mia Florentine Weiss setzt sich mit dem Zusammenfall der Gegensätze, dem Wunsch nach Geborgenheit, Schutz und Liebe und deren Anti-Thesen auseinander. Sie geht der Auffassung nach, dass der Mensch auf der Suche nach seiner zweiten Hälfte ist, dass was wir lieben, zugleich der Ursprung unserer Sehnsucht ist.

In ihrer Kunst inszeniert sich Mia Florentine Weiss selbst.  Man sieht sie in Video-Projektionen, wie sie als Engel mit überdimensional leuchtenden Flügen durch die Art Basel/Miami läuft oder in einer Installation durch ein altes Original-Gefängnisbett blickt. Wichtiges Thema ist die Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit, die nur im Mutterbauch zu finden sein sollen. Mia Florentine Weiss spricht von dem medizinischem Begriff Uterus. Ihre Performance, sich 2013 in Innsbruck nackt in einen nachempfundenen Inkubator zu legen, fand ich emotionalisierend. Die Besucher hatten die Möglichkeit durch Löcher in der Folie, Mia Florentine Weiss zu berühren, zu streicheln. Für Mia Florentine Weiss ist der Inkubator ein Ort der Gegensätzlichkeiten, er bietet Schutz und Verlassenheit zugleich.

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Wofür steht das 3.7 im Namen Deiner Ausstellung „SYMPOSIUM 3.7“?

Das fragen alle. Das ist ein Geheimnis.

Warum beschäftigst Du Dich mit dem Thema Liebe?

Ich beschäftige mich nicht mit Liebe. Liebe ist langweilig. Mein Thema ist „Why Love?“. Ich suche Antworten auf Fragen die keiner gestellt hat. Ich bin an dem Notzustand interessiert. Nach Jahren der Auseinandersetzung mit dem Thema gibt es ein Epizentrum: Der Uterus. Das ist der Platz mit der größten Geborgenheit. Ich suche das Gefühl wieder. Die Männer wollen ja auch dahin zurück.

Kannst Du Dich denn an Deine Zeit im Mutterbauch erinnern?

Ich glaube, dass man sich erinnern kann. Kinder hören die Eltern im Bauch der Mutter, die ganze Schwangerschaft geht in das Kind hinein. Vielleicht ist es auch von mir eine diffuse Hoffnung, als letztes Thema sehe ich den Uterus.

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Glaubst Du, dass man seinen zweiten Teil findet oder wird man im Alter einfach ruhiger, weil man sich daran gewöhnt, nicht vollkommen zu sein?

Ich glaube, es wird im Alter immer schlimmer, man wird kompromissloser. Die Hoffnungslosigkeit wird auch größer. Das ist wie eine Exponentialfunktion.

Hast Du Dich als Kind geborgen oder schutzlos gefühlt?

Ich lag im Inkubator und wurde künstlich beatmet. Das habe ich dreißig Jahre lang verdrängt. Das Thema hat mich gefunden. Verstehe mich nicht falsch, ich hatte eine glückliche Waldorf-Kindheit. Final habe ich mich mit meiner Mutter zusammen in meinen Inkubator gelegt.

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 Kann sexuelles Verlangen die Sehnsucht nach Liebe ausblenden?

 Nein, das glaube ich nicht. Aber vielleicht hatte ich nur nicht so guten Sex.

 Was gibt es für Mittel, die Sehnsucht nach Schutz, Geborgenheit zu überdecken?

 Platzhalter, Amphetamine, alle Arten der Betäubung. Der Mensch ist per se ein Suchttier.

 Was sind Deine Mittel?

Ich kann mit meiner Arbeit alles kompensieren. Mein Glück ist, dass ich jetzt von meiner Arbeit leben kann. Wenn deine Passion wahr wird, will man die ganze Welt umarmen.

Was ist für Dich das Besondere bei einer Performance?

Da gibt es kein richtig und kein falsch. Im Gegensatz zum Schauspiel ist bei einer Performance alles echt. Ich schreibe mit echtem Blut. Nietzsche sagte: Blut ist Geist. Ich schreibe wenig in meiner Kunst. 7 Symposien in sieben Jahren, die wenigen Worte, die es da gibt, muss ich mit echtem Blut schreiben. Beim Blut gibt es auch die zwei Seiten, negativ ist Blut zu vergießen, positiv ist es, wenn man auf die Welt kommt oder Blut spendet. Wenn das Blut zu schlagen aufhört, ist man tot. Jeder Tropfen bei mir ist Herzblut. Mir geht es um den Uterus in der Kunst. Ich kann Penisse und Brüste in der Kunst nicht mehr sehen.

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An was denkst Du, wenn Du wie bei der Documenta 2012 als Engel mit riesigen Flügeln und mit einem Schutzschild auf Deinem Körper auf der Eingangstreppe liegst und die Leute an Dir vorbeilaufen?

Das ist eine gute Frage. So genau weiß ich das nicht. Nach der Performance weiß ich gar nichts und alles. Das Gute ist, Gewissheit zu haben, dass es das Richtige ist. Es gibt wenige Momente in meinem Leben, die so klar sind, wie diese. Ich denke nicht über Konsequenzen nach. Ich kann nicht anders. Wenn ich mir irgendwann die Haare abrasiere, dann ist das so.

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 Was bedeutet Mode für Dich, kann Kleidung Schutz für Dich sein?

Mode ist Fluch und Segen zugleich. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass sie mir nichts bedeutet. Sie ist eine gelassene Gleichgültigkeit. Mit dem Geld kann ich andere Sachen machen. Mode als zweite Haut zu sehen, betrachte ich distanziert. Mir ist die Gleichgültigkeit wichtiger. Aber natürlich: I`m a girl. Ich habe auch schon eine Kooperation mit dem Fashion-Label Comma gemacht, Poems und Statements für T-Shirts entworfen, damit sie in die Welt getragen werden. Damit kann man was bewirken.

Liebst Du Dich?

Für mich gibt es nicht mal mehr Selbstschutz. Schutzlosigkeit ist Schutz, wenn man sein Inneres nach Außen kehrt. Das hat was mit meiner eigenen Biographie zu tun. Ich war ja schon tot und habe noch gewisse Dinge zu erledigen. Ich sehe das, wie beim Yoga: be close to the truth. Damit kann man nicht falsch liegen.

Merci Mia

waitamo_mia_florentine_weissMIA FLORENTINE WEISS: SYMPOSIUM 3.7

ERÖFFNUNG: 19. September 2013, 18.00

Ausstellung vom 20. September- 12. Oktober 2013

Die- Sa.: 12.00- 18.00

während der Berlin Art Week: 20.- 22. September 2013: 11.00- 20.00

Galerie Epicentro art in Kooperation mit Galerie Morgen Contemporary

Joachimstrasse 5

10119 Berlin

www.epicentroart.com

Mia Florentine Weiss wird von der Berliner Galerie Morgen Contemporary vertreten:

www.morgen-contemporary.com

 

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