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A MOMENT WITH: HANNES HAMETNER

A MOMENT WITH: HANNES HAMETNER

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Oktober, eine schöne Zeit, um einen Spaziergang zu machen. Ich treffe Hannes Hametner, einen Berliner Theater-Regisseur, am Rosenthaler Platz. Er hat einen zügigen Schritt, ich denke, dass er gerne und viel spazieren geht. Wir laufen die Kastanienallee hoch, er dreht sich dabei eine Zigarette. Ecke Schönhauser setzen wir uns in ein Cafe. Am Baugerüst hängt eine Plane mit dem Spruch: Für die sofortige Abschaffung des Alltags. Hannes Hametner ist Reisender und Ankommender zugleich. Ein Theater Regisseur, der an verschiedenen Häusern z.B. Brecht, Schiller, Roth, Beckett, Hölderlin und zeitgenössiche Autoren inszeniert. Ich finde, dass er einen neugierigen Blick hat, vielleicht einen Blick, der das Leben zwischen den vorgeschriebenen Routen sucht. Mich interessieren seine Ansichten zum Theater heute, wie es ist, oft unterwegs zu sein, ob echte Gefühle etwas auf der Bühne zu suchen haben und ob man als Regisseur, die Gegenwart lieben sollte.

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Mutter Courage, Brecht, Theater Münster

Woran arbeitest du gerade?

Auf meinem Schreibtisch liegt das Stück der Berliner Autorin Daniela Dröscher „Eheleute und Ehelose“, eine Uraufführung für das Theater Koblenz. Ich stecke mitten in den Proben. Am 26. Oktober ist Premiere.

Es ist also ein ganz neues Stück?

Ja, ich kannte das Stück vorher nicht. Es entstand als Auftragswerk durch das Koblenzer Theater. Als ich angefragt wurde, gab es nur das Exposé. Ich mag Uraufführungen. Das Stück ist noch kein beschriebenes Blatt. Es hat etwas Jungfräuliches. Ich mag es, wenn Autor und Regisseur zusammen arbeiten, wenn Texte mit zeitgenössischem Blick entstehen. Man könnte sagen, das Stück ist eine Paraphrase auf „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ in heutiger Zeit. Es spielt am Film-Set einer Serienproduktion. Die Protagonisten sind die Hauptdarsteller der Serie, die nach und nach ihre bürgerlichen Konventionen und Masken fallen lassen. Bei einem nächtlichen Treffen der zwei Paare, viel Alkohol wird getrunken, Emotionen schaukeln hoch, Selbstkonstruktionen fallen, geraten sie in Krisen. Hinterher ist nichts mehr, wie es vorher war. So etwas passiert bei Konfrontationen mit Wahrheiten über sich selbst und Beziehungen. Es geht um das klassische Ehegefängnis.

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Probenfoto, Eheleute und Ehelose, Theater Koblenz, photo © Hannes Hametner

Ist die Ehe für Dich ein Gefängnis?

Das meine ich literarisch. Die Ehe ist seit Strindberg, Ibsen, Bergmann ein klassisches Sujet. Die literarische Wirklichkeit gäbe es wiederum natürlich nicht ohne ihre Entsprechung in der Realität. Das Zusammenleben kann die Hölle oder der Himmel sein. Dazwischen ist Alltag. In dem Stück geht es um die festgelegten und fest eingespielten Rollen in einer Ehe. Vielleicht machen sie die Ehe zum Gefängnis.

Woher kommt Deine Liebe zum Theater?

Durch meinen frühen Kontakt zum Theater. Mit vierzehn habe ich in einer Theatergruppe in meiner Heimatstadt Leipzig gespielt. Mit achtzehn habe ich Leipzig verlassen. Ich glaube, die Liebe zum Theater kommt aus dieser Zeit der Selbstfindung. Ich habe Freiheit gesucht, eine Parallelwelt zur Realität, eine Welt, die sich nicht mit Wirklichem, sondern Möglichem beschäftigt. Das Theater ist ein Raum, indem ich mich wohl gefühlt habe. Man kann gemeinsam etwas machen, ständig eigene Grenzen überschreiten.

Hat sich Deine Sicht gegenüber dem Theater geändert, seit Du Regie an der Ernst-Busch-Schule in Berlin studiert hast?

Die Liebe zum Theater ist gleich geblieben. Aber der Prozess, indem Theater entsteht, also Theater als Arbeits-Moment, ist etwas anderes. Also ideal gesprochen ist meine Liebe zum Theater stärker geworden. Aber ich habe in den letzten dreizehn Jahren gelernt, dass Theater Zwängen unterliegt. Das war mir vorher nicht so bewusst.

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Dein Repertoire ist breit von Brecht bis Schiller, Hölderlin oder zeitgenössische Autoren, wo ist dein künstlerisches Zuhause?

Mit jedem neuen Stück macht man neue Erfahrungen. Das ist kein abgeschlossener Prozess. Ein Model was einmal funktioniert, kann man nicht immer wieder verwenden. Beim Theater gibt es den Luxus, etwas Neues entstehen lassen zu können, im überraschenden Sinne. Stücke aus der Klassik oder Gegenwart sind Splitter einer Conditio Humana. Im Mittelpunkt steht der Mensch, der Schauspieler. Das Reibungsfeld ist der Text, egal ob zeitgenössisch oder klassisch. Der Funken zwischen Text und Schauspieler, ist, was mich am Theater interessiert.

Was kann Theater heute noch erzählen?

Theater „kann“ wohlgemerkt, mehr denn je erzählen. Das Kino gibt es seit 150 Jahren, das Internet seit zwanzig, das Theater seit Zweieinhalbtausend Jahren. Die Wahrheiten des Theaters gehören zu unserer langen kulturellen, europäischen Tradition. Mir gefällt, wenn ich Menschen auf der Bühne beim Denken und Fühlen in dem Moment zusehen kann- live- ohne dass ein Medium dazwischen ist. Das hat den Vorteil der Wahrhaftigkeit. Ich kann Schwitzen und Lachen sehen. Die Zuschauer sind beim Theater in einem Prozess, der auf die Interaktion mit den Schauspielern zurück geht. Das ist ein dünnes Band. Für mich ist das Theater ein Experimentierraum für die Macher und eine Einladung an die Zuschauer. Es zeigt, was zwischen den Menschen möglich ist. Theater kann der Raum für Ursache und Wirkung sein, ein Ort, um sich aufgehoben zu fühlen, ein Ort der Versöhnung – durch Konflikte, durch Humor.

Was unterscheidet Theater vom Film?

Theater ist live. In dem Moment, wo es entsteht, wird es rezipiert. Der Moment wird von allen gleichzeitig geteilt. Von denen, die ihn schaffen und denen, die ihn rezipieren. Das sind Glücksmomente. Das Theater ist die augenblicklichste Kunst. Augenblicke müssen jeden Abend neu entstehen, ohne Urteil oder Sicherheit.

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Amerika im Krieg, Eine Serie, Theater Magdeburg

Welche Schauspieler magst du?

Mein Lieblingspaar auf den Berliner Bühnen ist Sophie Rois und Wolfram Koch.

Welche Arbeiten siehst Du gerne?

Immer wieder das Theater, das sich unmittelbar um den Moment ab kämpft, im Hier und Jetzt, Arbeiten von Mitko Gotscheff oder des leider verstorbenen Jürgen Gosch. Da gibt es viele.

Findest Du, dass echte Gefühle etwas auf der Bühne zu suchen haben?

Auf jeden Fall. Ich gehe davon aus, wenn beim Schauspieler im Hier und Jetzt etwas entsteht, handelt er automatisch mit eigenen Gefühlen. Die wirklichen Gefühle sind geschützt durch die Rolle, aber mehr auch nicht.

Magst Du Improvisationen?

Sehr, als Mittel bei den Proben. Da entstehen Dinge, von denen man nichts wusste. Improvisation ist ein wichtiges Mittel. Viele Sachen werden festgelegt, der kleine Moment der Improvisation ist der Raum, wo Neues passieren kann. Das macht das Theater lebendig, gerade am Aufführungsabend.

Kann Theater leise sein?

Wenn man von der Frage der Berechtigung von Theater in unserer Zeit ausgeht, dann sage ich, dass leise Momente für mich fast eine Pflicht sind. Ein Moment der Stille ist in unserer lärmenden Zeit mittlerweile fast etwas Utopisches.

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Kabale und Liebe, Schiller, Theater Quedlinburg

Was inspiriert Dich?

In erster Linie inspiriert mich mein Umfeld, meine Lebens-Wirklichkeit, das Leben selber. Das sind meine beiden fast erwachsenen Kinder,  meine Freunde und meine Liebe. Eine große Familie, in der ich mich geborgen fühle und die immer Überraschungen bereit hält. Wie das Theater. Das hält einen wach.

Wie kommst Du damit klar, dass Du nach einer Premiere wieder abreist- du hast u.a. in Moskau, Münster, Salzburg inszeniert- und Dein Stück nicht mehr greifbar ist?

Das ist ganz schwer, das Loslassen. Das wird immer schwerer. Während des Studiums hat meine Professorin Lore Stefanek gesagt: „Theater machen, heißt Abschied nehmen lernen müssen.“ Insofern wusste ich, worauf ich mich eingelassen habe.

Muss man als Theater-Regisseur die Gegenwart lieben?

Man muss die Gegenwart hassen. (Er lacht.) Also, man muss so ein Verhältnis zur Gegenwart haben, dass sie einem nicht genügt und eine Sehnsucht öffnet nach einem anderen Zustand. Ohne die Unzufriedenheit mit der Gegenwart, hätte ich keinen Motor zum Arbeiten.

Ist es schwer, sich immer an einem neuen Haus einzufinden?

Es gibt Vor- und Nachteile Gast zu sein. Ich bin gerne Gast.

Wünschst Du Dir ein festes Engagement?

Der Gedanke von Kontinuität gefällt mir auch.

Du bist viel unterwegs, reist Du gerne?

Prinzipiell sehr gerne.

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photo © Sandra Linde

Was muss unbedingt in Deinen Koffer?

Ich bin ein Meister im Minimalismus-Packen. Mein Laptop für den Kontakt zur Außenwelt muss dabei sein, mindestens zwei- drei Bücher, davon gerne eine Schauspieler-Biographie, gerade ist es John Cassavetes. Briefpapier und die Lieblings-Hemden zum Wohlfühlen.

Stell Dir vor, Du könntest ein neues Berlin-Stück inszenieren, wie würde es heißen und in welcher Tradition würde es stehen?

Ein Stück im Geist und Sprache von Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ wäre toll, wo man das Potential von Figuren wie Franz Biberkopf heute neu überprüfen könnte. Döblins Titel ist einfach großartig, alles andere wäre weniger.

Hast Du ein Wunschprojekt?

Viele.

Braucht Theater Schönheit?

Zwingend unbedingt.

Warum?

Weil Theater ein Gesamtkunstwerk ist, dass von allen Künsten partizipiert. Das Theater braucht Schönheit als ästhetische Kategorie. Schönheit beschreibt den Widerhall von Gefühlen, die wir haben. Auch was Hässliches kann in gewisser Komposition Aspekte von Schönheit haben.

Ist das Theater Dein Zuhause?

In Momenten ja. Aber ich habe ein Zuhause, was nicht das Theater ist.

Wie wichtig ist Dir Applaus?

Das ist was Schönes.

Wie kommt man nach einer Inszenierung mit der Freizeit klar?

Wie gesagt, in den Momenten freut man sich, dass man eine Familie hat.

Merci Hannes

Eheleute und Ehelose: Premiere 26. Oktober 2013/ 19.30

Theater Koblenz

www.theater-koblenz.de

www.hanneshametner.de

 

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