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A MOMENT WITH: MAIK SCHIERLOH & JOEP VAN LIEFLAND

A MOMENT WITH: MAIK SCHIERLOH & JOEP VAN LIEFLAND

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Die Leipziger nicht gerade eine der schönsten Straßen mit Hochhäusern, die heutzutage wie verirrt dastehen. Ich bin mit Maik Schierloh und Joep van Liefland, den Betreibern vom Autocenter verabredet. Das Autocenter ist ein Ort, der zeitgenössische Kunst in Berlin mitprägt, autonom ist und versucht, Kunst unabhängig von ökonomischen Zwängen einen Raum zu geben. Als ich im Autocenter ankomme sind die Treppen mit roten Schaumstoffmännchen blockiert.

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Serkan Ozkaya: Proletarier aller Länder, 2001-2013

Ich denke, da hat sich jemand viel Mühe gegeben und sehe mich gezwungen zu warten. Auf die Idee, dass die Männchen auf die Treppenstufen geklebt sein könnten, komme ich nicht. Unschlüssig stehe ich da, rufe: „Hallo“. Ein Mitarbeiter, der für die Eröffnung der Ausstellung „INVERT: Gewissheit. Vision.“ eine Etage höher auf der Leiter steht, ruft mir zu, ich solle ruhig darüber hinweg laufen. Schweren Herzens tue ich dass: „Es ist schwer auf Kunst zu treten, oder?“ werde ich gefragt. Nein, das nicht unbedingt. Eher, dass der natürliche Instinkt sagt, nicht noch mal rauf zu treten, wenn etwas am Boden ist.

Joep van Liefland und Maik Schierloh sind wahrscheinlich immer in Bewegung und von einer Energie umgeben, die da ist, wenn man die Dinge mag, die man macht. Wir gönnen uns ein stilles Wasser und reden über 12 Jahre Autocenter, was Kunst mit einem macht, Veränderungen in Geographie und Kopf und persönliche Motivationen.

Ist Eure Freude darüber, das Autocenter zu betreiben noch so groß wie vor zwölf Jahren?

Joep: Sie ist noch größer. Es ist jetzt eine Riesenfreude. Aber es hat sich nicht geradlinig entwickelt. (Mit der Hand macht er eine Sinuskurve nach)

Maik: Die Freude wird immer größer, entwickelt sich.

Ändert sich die Professionalität, wenn man erfolgreicher wird?

Joep: Es ist wie im Leben. Man wächst. Man bewahrt sich Offenheit. Wir haben keine Verwaltung, wir sind keine Kunstverwalter. Aber wir kriegen professionelle Strukturen. Wir sind besser aufgestellt. Wir können uns mit anderen Sachen beschäftigen mit neuen Ideen und Projekten.

Maik: Wir waren früher auch professionell. Aber jetzt haben wir auch professionelle Mitarbeiter und Praktikanten. Wir entscheiden, kuratieren. Wir machen aber nicht mehr alles selber.

Nach welchen Aspekten sucht ihr die Künstler, bzw. Themen aus?

Joep: Intuition.

Maik: Liebe und Leidenschaft.

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Was ist Euer Antrieb, für die Finanzierung einer Kunsthalle zu sorgen?

Joep: Ich habe kein Ziel. Der Weg ist das Ziel. Weg und Raum entwickeln sich. Man kommt geistig weiter, lernt neue Sachen und muss ständig Lösungen finden.

Maik: Es muss auch Spaß machen. Nicht nur die Kunst auch die Infrastruktur muss machbar sein. Es muss uns motivieren.

Ist die Miete vom Autocenter erschwinglich?

Joep: Wir haben keine reichen Eltern oder Künstler, die dafür bezahlen. Alle Zahlungen kommen von uns privat. Wir haften für die Risiken und stecken viel Geld rein. Oft verstehen das die Leute nicht. Das ist eben der Unterschied zu einer Institution. Aber das wird sich vielleicht in naher Zukunft ändern.

Maik: Ich bin nicht verbittert, so wie es oft Leute vom Theater sind, die reinstecken und dann verbittert sind. Das Problem haben wir nicht.

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Was interessiert Euch an Kunst?

Maik: Die Auseinandersetzung.

Joep: Ich mache ja selber Kunst.

Was macht Kunst möglich?

Maik: Der Künstler macht die Kunst.

Joep: Kunst ist offen und keine Kategorie. Jeder denkt es sich selbst aus. Der eine macht einen Doku-Film über Palästina, der andere eine Klobrille fürs Museum.

Was macht Kunst in Berlin möglich?

Joep: Berlin kann sich freuen. Man sollte sich mit Kunst beschäftigen.

Maik: Kunst hat eine politische Ausrichtung. Kunst ist eine Art von Politik. Sie formt die Gesellschaft lässt Toleranz entstehen. Kreativität macht die Stadt offener.

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Maik Schierloh vom Autocenter

In welcher Stadt hättet Ihr gern eine Dependance vom Autocenter?

Joep: Die Frage will ich nicht beantworten.

Maik: Ich will hier in Berlin bleiben. Was ich hier mache, macht mich glücklich. Warum woanders hingehen.

Wie lange plant Ihr im Voraus?

Joep: Ein halbes Jahr mit Löchern.

Maik: Ja, wir wollen viele Löcher haben, um spontan reagieren zu können. Wir haben Künstler für ein Jahr und und für anderthalb Jahre Programm. Spontanität ist wichtig.

Habt Ihr untereinander eine Arbeitsteilung?

Joep: Nicht wirklich. Das ist abhängig von Kompetenzen und befruchtet sich komplementär.

Maik: Und umgekehrt.

Gibt es eine Kunstart, der Ihr den Vorrang gebt?

Joep: Nein.

Maik: Nein.

Seid Ihr noch aufgeregt, wenn Ihr eine neue Show eröffnet?

Joep: Bei einer eigenen Ausstellung bin ich aufgeregter. Wir freuen uns. Klar gibt es Momente bei Neueröffnungen außerhalb, wo man aufgeregt ist.

Maik: Das ist unterschiedlich. Ich bin nicht so aufgeregt. Wir im Autocenter sind die Gastgeber für die Künstler.

Gibt es Wehmut, wenn eine Ausstellung abgehängt wird?

Joep: Nein, es geht weiter.

Maik: Das ist toll. Dann kommt Platz für Neues.

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Gabriel Machemer: Fiktive Porträts der Kinder des Waisenhauses, 2013

Wie kann man sich Euren Tagesablauf vorstellen?

Joep: Früh aufstehen, ganz viel machen, ins Atelier fahren, den Sohn von der Kita abholen, ins Autocenter fahren am Abend Büro-Sachen machen und recherchieren.

Maik: Früh aufstehen, die Kinder zur Schule bringen. Arbeiten gehen. Ab acht Uhr bin ich frei für die Arbeit. Am Abend ab und an noch Bar-Veranstaltungen in der Babette.

Was interessiert Euch außerhalb des Kunstbetriebes?

Joep: Außer der Familie und Kunst nichts weiter. Es sind die zwei Sachen.

Maik: Ich bin froh, dass ich viele Sachen habe, die Bar mit den Einflüssen von Design, Fashion, Film, Architektur, Medien. Das möchte ich privat nicht vermissen.

Was ist Berlin für Euch?

Maik: Berlin ist eine offene Stadt, kreativ.

Joep: In Berlin ist viel möglich. Ich sehe das entspannt. Ich bin vor 17 Jahren nach Berlin gekommen. Berlin ist für mich ein Prozess. Ich bin hergekommen ohne Geld, mit nichts in den Händen. Was ich hier aufgebaut habe, verbinde ich mit Berlin. Wer weiß, ob das in Holland so möglich gewesen wäre. Das hat mir Berlin ermöglicht. Die Begegnungen, die hier passieren sind dynamisch und offen. Es hatte was von Anarchie. Heute bin ich auch strukturierter geworden. Man wird älter. Die Stadt verändert sich. Man muss dem nicht hinter her trauern. Alles im Leben ändert sich. Wir wollen auch, dass es sich ändert. Neue Räume entstehen, Fragen werden neu beantwortet.

Maik: Ja, Veränderungen sind wichtig. Wer hätte gedacht, dass wir mal nach Mitte ziehen. Die Aufmerksamkeiten entwickeln sich anders.

Joep: Umziehen ist wichtig. Wenn man die geographische Lage ändert, ändert sich auch die im Kopf.

Wie sieht ein freier Tag bei Euch aus?

Joep: Mit der Familie.

Maik: Ich habe keine freien Tage. Klar, Zeit mit der Familie verbringen.

Was macht Euch glücklich?

Joep: Kunst und Familie. Das war es schon.

Maik: Kunst und Familie, Freunde. Das ist auch genug.

Das letzte Kunstwerk, was Ihr gekauft habt?

Maik: Ich habe nur eins gekauft, für zehn Euro vor sechs Jahren. Eine Monster-Schablone aus Karton von einem Street-Art Künstler.

Joep: Von einer Studentin ein Surfbrett aus einem Ikea-Regal.

Könnt Ihr Kunst noch genießen?

Maik: Immer, wenn es um herausragende Dinge geht.

Joep: Ich werde immer wieder überrascht.

Welche Berliner Künstler sind für Euch herausragend?

Maik: Joep van Liefland.

Joep: Es gibt so viele Gute, die wir ausstellen würden.

Die Ausstellung, die gerade läuft hat den Titel: Gewissheit. Vision. Worüber habt Ihr Gewissheit? Was sind Eure Visionen?

Joep: Ich kann mit dem Wort Gewissheit schwer was anfangen. Vielleicht weil ich Holländer bin, wegen der Sprache. Gewissheit gibt es manchmal, wo es gereicht hat. Aber nein, es ist legitim offene Möglichkeiten zu haben, Unmögliches zu machen, dass muss nicht immer groß sein. Eine Vision ist umfassend.

Maik: Gewissheit habe ich darüber, dass Kunst mein Arbeiten und mich verändert. Das ist gut. Eine Vision: Es wäre toll, wenn unser nächster Autocenter Katalog funktioniert.

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Glaubt Ihr, dass heutige Kunst die Menschen erreicht?

Maik: Ja, immer. Man weiß nie, was passiert. Man fängt an nachzudenken.

Joep: Kunst muss nicht alles bedienen. Das ist kein Problem. Für bestimmte Leute gibt es bestimmte Sachen. Kunst muss sich nicht legitimieren. 

Maik: Eltern, Freunde,Verwandte verstehen nicht immer, was wir hier machen und wollen eine Begründung.

Joep: Die Frage stellt sich in Berlin nicht. In der Provinz schon.

Welchen Künstler würdet Ihr gern kaufen, wenn es kein finanzielles Limit geben würde?

Maik: Ich mache Ausstellungen. Ich habe alles.

Joep: Ich würde gern tauschen.

Merci Maik & Joep

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Space for Contemporary Art

Leipziger Str. 56

10117 Berlin-Mitte

www.autocenterart.de

 

 

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