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A MOMENT WITH: SILVIA-MARIA SCHULZ, SILVIE SCHNEIDER & SILKE JENTSCH

A MOMENT WITH: SILVIA-MARIA SCHULZ, SILVIE SCHNEIDER & SILKE JENTSCH

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Ein cleveres Geschäftsmodel, dass die Designerin Silke Jentsch mit dem Store Nordost 92 in der Kollwitzstraße verwirklicht hat. Vier Designerinnen verkaufen ihre Kollektionen, teilen sich Verantwortung, Kosten und Arbeitszeiten, gewinnen Freiräume, um in ihren Ateliers zu arbeiten, haben direkten Kunden-Kontakt. Nach Ladenschluss bin ich mit Silke Jentsch, Silvie Schneider und Silvia-Maria Schulz verabredet. Die Mutabilis-Kollektionen von Silke Jentsch haben eine lässigen, nordischen Style mit cleveren Details. Schmuck-Designerin Silvie Schneider arbeitet mit klassischen Metallen & Steinen und kreiert moderne Formen. Silvia-Maria Schulz setzt mit ihrem Label auf feminine Eleganz.

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Silvia-Maria Schulz

Die vierte im Bund Natalia Weimann, die Mode mit Möglichkeiten zur cleveren Kaschierung entwirft, konnte wegen ihrem Baby leider nicht dabei sein. Die Kollwitzstraße, nach 19 Uhr stockdunkel und mit tiefgefrorener Luft über den Autos, erinnert an eine zufrieden schlafendes Kleinstadt-Idyll. Ich habe mich mit den drei Designerinnen über Vor- & Nachteile eines Gemeinschafts-Stores unterhalten, über Flucht in der Jugend & die Suche nach dem Verlorenen in der Gegenwart, ob Designerin ein Traumberuf ist, die neue elegante Lässigkeit und das ein Schmuckstück ein Statement sein kann.

Habt Ihr alle Design studiert?

Silvie Schneider: Ich habe gar nicht studiert. Ich bin Autodidaktin. Früher bin ich viel rumgereist und habe gemerkt, dass ich Handwerkerin bin, dass ich Ambitionen habe mit meinen Händen und meinem Kopf etwas anzufertigen. An der Volkshochschule habe einen Bildhauerkurs besucht. Aber ich bin nicht Giacometti. Meine Objekte sollten nicht verstauben. Schmuck zu machen ist super. Ich habe da langsam rein gefunden. Am Anfang war mein Schmuck auch wie Objekte und Skulpturen gestaltet. Heute arbeite ich mit unterschiedlichen Materialien, Steinen auch in Kombination mit Häkelschmuck. Ich designe auch Woll-Accessoires, Pullover und Jacken, aber dem Schmuck bleibe ich treu. Das ist meine Seele. Wenn ich mich einfach an den Tisch setze und mein Ding mache bin ich sofort glücklich.

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Schmuck-Designerin Silvie Schneider

Silke Jentsch: Das habe ja gar nicht gewusst.

Silvie Schneider: Wir reden ja auch nur über Männer.

Silke Jentsch: Ich habe in der DDR Lehramt studiert. Meine Familie ist einen Tag vor dem Mauerfall geflüchtet. Nach dem Abi habe ich in London gewohnt. Da ich was Solides lernen sollte, habe ich eine Ausbildung in der Baubranche gemacht. An der HTW in Berlin habe ich später Bekleidungstechnik studiert. Als ich in Indien drei Monate ein Praktikum gemacht und gesehen habe, wie große Firmen arbeiten, die Arbeitsbedingungen sind, wusste ich, dass ich niemals für eine große Firma arbeiten möchte. In der Studienzeit habe ich mein eigenes Label gegründet.

Silvia-Maria Schulz: Ich habe am Lette-Verein studiert und habe für ein Berliner Label als Head of Design gearbeitet. Danach brauchte ich eine Auszeit, bin um die Welt gereist und habe mich für die Selbstständigkeit entschieden.

Ist Designerin ein Traumberuf?

Silke Jentsch: Also ich bin Bekleidungsingenieurin. Aber ja. Designerin ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Man kann damit nicht mehr aufhören. Kreativ zu sein, ist wie eine Sucht.

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Silke Jentsch vom Label Mutabilis, Gründerin von Nordost 92,

Silvia-Maria Schulz: Ich bin total happy mit meiner Berufswahl. Ich mache das sehr leidenschaftlich, gerade als selbstständige Designerin. Ich will meine Entscheidungen selber treffen, autonom arbeiten. Höhen und Tiefen muss man überstehen. Neben meinem Job bin ich aber auch eine unabhängige Persönlichkeit. Ich stress mich nicht mehr. Ich möchte das Leben leben und nicht vom Leben gelebt werden.

Silvie Schneider: Der Beruf nimmt auch viel. Angst und Glück kommen zusammen. Ich würde niemanden mehr dazu raten.

Silke Jentsch: Ich würde heute Archäologin werden.

Silvie Schneider: Ich Perlentaucherin.

Silvia-Maria Schulz: Meeresbiologin.

Beschreibt doch kurz den Look Eurer Kollektionen?

Silvia-Maria Schulz: Fließende Stoffe und Harmonie in der Kleidung sind mir wichtig. Wenn sich eine Frau stilsicher kleidet, kann das Becken noch so ausladend sein. Das Gesamtbild bekommt Harmonie.

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Silvia-Maria Schulz

Silvie Schneider: Meinen Schmuck verschenkt man nicht spontan. Die Frauen suchen ihn sich selbst aus und sind sehr individuell. Mein Schmuck ist modern. Ich mache keine Klassiker.

Silke Jentsch: Ich schaue mir keine Zeitschriften oder Trends an. Ideen von anderen blockieren mich. Ich bin aus der DDR geflüchtet, habe alles verloren und bin auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit. Ich schätze zeitlose Werte, die Mischung aus Gegenwart und Vergangenheit. Meine Kleidung kann man sehr lange tragen. Verlässlichkeit ist wichtig. Das fehlt mir persönlich, deswegen bin ich in der Vergangenheit unterwegs, um damit umzugehen.

Welchen Typ Frau wollt Ihr erreichen?

Silvie Schneider: Ein breites Spektrum. Jede hat ihren eigenen Stil: die berufstätigen, selbstständigen Frauen, die draußen unterwegs sind.

Silke Jentsch: Da gibt es keine Altersbeschränkung. Meine älteste Kundin ist 93. Sie ist aber wirklich schick und dünn.

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Silvie Schneider & Silke Jentsch

Wie kann eine Frau ihren Typ unterstreichen?

Silke Jentsch: Die Vorteile hervorheben, Nachteile kaschieren.

Silvia-Maria Schulz: Da würde ich anders ran gehen. Man muss die Person anschauen, was bringt sie von Natur aus mit.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, Euch mit dem Store Nordost 92 zusammen zuschließen?

Silke Jentsch: Ich hatte die Idee. Ich möchte nicht nur Laden-Inhaberin sein. Ich will Mode machen. Zuerst habe ich den Laden allein aufgemacht und dann die Designer dazu gesucht, um verschiedene Produkte anzubieten, die sich ergänzen. Der Laden ist wie ein kleines Kaufhaus.

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Kollektion Mutabilis von Silke Jentsch

Was sind die Vorteile?

Silvie Schneider: In unserem Fall die Aufgaben und Kosten zu teilen. Ich habe das Gefühl, dass wir uns auf den Anderen verlassen können. Wir können miteinander reden und niemand ist beleidigt.

Silvia-Maria Schulz: Wir sind keine Mitarbeiterinnen. Wir sind Kolleginnen, Kumpel. Man ist im Laden direkt an der Kundin. Das Feedback ist toll

Silke Jentsch: Wichtig für so ein Konzept sind die passenden Leute. Ich freue mich, wenn ich die Sachen von den Anderen verkaufen kann. Teamgeist ist bei so einer Sache wichtig. Wir schicken uns gegenseitig eine SMS, wenn wir von der Anderen etwas verkaufen. Ich bestehe auch darauf, dass jeder Chef ist. Alle sollen sich gleich verantwortlich fühlen. Und wenn man mal durchhängt, steht man nicht ganz alleine da. Man kann sich helfen.

Gibt es Nachteile?

Silke Jentsch: Eigentlich nur bei der Buchhaltung.

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Silvia-Maria Schulz, Silvie Schneider, Silke Jentsch

Seid Ihr miteinander befreundet?

Silvie Schneider: Dafür ist zu wenig Zeit.

Silke Jentsch: Wir haben ein Vertrauensverhältnis.

Silvia-Maria Schulz: Persönliche Begegnungen finden im Laden statt.

Seid Ihr untereinander Konkurrentinnen?

Silvie Schneider: Im gesunden Maß schon. Man will ja auch selber verkaufen.

Silke Jentsch: Ich musste erst lernen, meine eigenen Sachen anzubieten.

Silvie Schneider: Damit habe ich kein Problem.

Silvia-Maria Schulz: Es muss fließen, da ist es egal von welcher Kollegin ein Stück verkauft wird.

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Mutabilis Kollektion von Silke Jentsch

Was sind Eure persönlichen Trends für den Winter?

Silke Jentsch: Klassisch, Englisch, Nachtblau, Fischgräten-Muster, Tweed und Retro hochwertig verarbeitet, Metallknöpfe, eine von blauen Arbeiteranzügen inspirierte Kollektion.

Silvia-Maria Schulz: Weiche, warme Wollstoffe. Alles was mit Wolle zu tun hat. Oversize oben und unten schmal gehalten. Ein eleganter Stil mit sportlichen Akzenten. Das Lebensgefühl ist lässig.

Silvie Schneider: Elegante Sportlichkeit. Weg vom totalen Sneaker-Style. Es gibt viele Berlin-Trendsetterinnen: schmale Hosen, mehrere kleine Pullover in Schichten, Sneaker oder Boots. Es ist ein entspannter Look in Berlin. Das mag ich.

Silke Jentsch: Aber auch ein bisschen Glamour. Zum Beispiel Tweed mit goldenen Einsätzen, Natur-Leder und goldene Knöpfe in Kombination mit Jeans.

Silvie Schneider: Ja, Brüche sind schön.

Silvia-Maria Schulz: Schmuck spielt eine große Rolle. Der kann bei eleganter Lässigkeit Akzente setzen. Die Winterfarben geben das her.

Silvie Schneider: Keine Frau will sich mit Schmuck behängen. Ein Stück in Kombination mit dem Look ist ein Statement.

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Eure Traumstadt?

Silke Jentsch: Ein Land. Schweden.

Silvie Schneider: Das finde ich aus politischen Gründen schwer zu sagen. Ich war mal in New York verliebt. Europa ist in der Krise. Ich bin heimatlos. Im Moment ist das schwierig.

Silvia-Maria Schulz: Für mich gibt es nicht die eine Traumstadt. Aber die Sehnsucht nach einem stillen, einsamen, friedlichen Fleckchen. Ein Haus am See. Wo ist egal.

Silke Jentsch: Ich sage Schweden.

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Silvia-Maria Schulz, Silke Jentsch & Silvie Schneider

Wann ist die Jugend einer Frau vorbei?

Silke Jentsch: Wenn sie nicht mehr sprüht.

Silvie Schneider: Wenn sie natürlich ist, nie. Es gibt alte Künstlerinnen, die immer noch Jugendlichkeit haben.

Silvia-Maria Schulz: Wenn eine Frau Kind geblieben ist, verliert sie die Jugend nie. Wenn man sich entschließt erwachsen sein zu wollen, dann ja.

Merci Silke, Silvie und Silvia-Maria

NORDOST 92

Mo- Fr: 11.00- 19.00/ Sa: 12.00- 18.00

Kollwitzstraße 78

10435 Berlin-Prenzlauer Berg

Silke Jentsch: www.mutabilis-berlin.com/ Silvie Schneider: www.silvieschneider.de/  Natalie Weimann: www.weiman-n.de

 

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