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CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: KW INSTITUTE FOR CONTEMPORARY ART

CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: KW INSTITUTE FOR CONTEMPORARY ART

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Die Ausstellung Christoph Schlingensief hinterlässt bei mir eine Frage: Wie viel Runden kannst du drehen? Ich bin keine Christoph Schlingensief Kennerin. Mediales Grundwissen über Jahre, mal bewusst gelesen oder nebenbei aufgeschnappt: erster Film in Oberhausen, Theaterregisseur, Volksbühne, Parsifal Bayreuth, Performances, politische Chaos-Aktionen, Chance 2000: Bad im Wolfgangsee, Das deutsche Kettensägenmassaker, Operndorf in Burkina Faso, Lungenkrebs obwohl Nichtraucher, Krankheitstagebuch, Tod, Hochzeit davor, Biennale Venedig und jetzt die Ausstellung, die nach Berlin ins MoMA nach New York weiter zieht. Ich hab mir selber „Cut“ gesagt, durch drei Etagen gelaufen, Vorwissen, Broschüre, Titel und Entstehungsjahre gelöscht. Eine Info habe ich behalten: Medien bündeln, Trennung zwischen Betrachter und Kunstwerk aufheben.

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Sakrale Musik drückt den Kreislauf, Monitore: „Orchesterfilm“ & „Fremdverstümmelung“. Tonspur: „Wo ist meine Brille, wo ist meine Brille.“ Faszinierte Übelkeit, wenn ich meinen Zustand beschreiben sollte.

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Begehbare Dreh-Bühne „Animatograph“ Spielfläche und Einlass. Infantile Zeichnungen außen, Igel auf Gruppenwanderung, Ente im Fallschirm, Astronauten mit Flagge. Wohnzimmerlampen leuchten den Weg, vorbei am Hochstand zum drehenden Karussell. Erschießungen im Monitor, Haus der Kunst 1943, Stalin, Hitler, Honecker, elektrische Friedhofskerzen, eine Bank zum sitzen, drehender Panzer. Gelbes Schild: „Die Nutzung des Koffers als Schlafstelle ist nicht gestattet.“ Federn am Boden, ein Wehrmachts-Helm, Stummfilm-Ekstase. Dunkel im Panzer, draußen vorbei drehende Welt schwarz weiß und Blümchen-Tapete nicht heller.

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Robben in Massen, fallende Bäume auf Zelluloid, hängen gebliebene Luftwaffenuniform im Baum. Fliegerbomben krachen akustisch: „Myself to myself“ sinniert eine Stimme, dahinter Stellungskampf-Paroli: „Dieses tapfere Volk wird auch weiter die Zähne zusammen beißen“. Karussell dreht sich, Mongolen-Stämme im Ritualtanz. Ich kann nicht mehr, will ja auch nicht heulen. Ich denke, der Wahnsinn sitzt in kleinen explosiven Zellen. Hinter der Drehbühne viel schwarzer leerer Raum, Entgiftungsschleuse. Schlingensief sagte: „Der Animatograph ist kein künstliches Auge, keine Kamera, sondern ein menschliches Sehorgan. Es ist der Betrachter, wie er sich selbst sieht und dabei Spuren hinterlässt, so wie die Bilder auf unserer Netzhaut Spuren hinterlassen.“

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Es gibt noch drei Etagen: Eine hat mich schon entschärft. Durch das Treppenhaus der Blick in den milchigen Himmel, brüllender Ton: „Jetzt kannst du hoch gehen. Hände hoch. “, zusammenzucken.

Ich fahre angeschnallt und vorher unterschrieben, auf eigene Gefahr, mit dem „Stairlift to Heaven“ in eine Kreis-Projektion von Schlingensiefs Film „The African Twintowers“ auf einen Guck-Kasten mit schwarzem Samtvorhang zu. Die KW-Mitarbeiterin ruft von unten: „Schieb den Vorhang zur Seite.“ Mach ich und sehe in einem Mini-Monitor zwei Kleinwüchsige auf hügeliger grüner Wiese sich gegenseitig am Finger lutschen.

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Nächste Etage: der politische Christoph Schlingensief, „Scheitern als Chance“, Volksbühnen-Inszenierungen auf Monitoren, extra Raum für die Bayreuther Festspiele. Noch eins höher. Nicht jugendfreier Raum. Filmprojektionen „100 Jahre Adolf Hitler- Die letzte Stunde im Führerbunker“ oder „Das deutsche Kettensägenmassaker“. Ich fühl mich nach dem Karussell-Fahren jugendlich und nicht frei. Die Amerikaner werden die Ausstellung lieben. Im Treppenhaus riecht es nach Wiener Rindergulasch und Spätzle, dem Montags-Mittagstisch vom Café Bravo.

Großartige Ausstellung!

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1. Dezember 2013- 19. Januar 2014

KW Institute for Contemporary Art

Mi- Mo: 12.00- 19.00/ Do: 12.00- 21.00/ Di geschlossen

Auguststraße 69

10117 Berlin-Mitte

www.kw-berlin.de

 

 

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