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WUNDERBAR: „DIE KLEINEN FÜCHSE“ AN DER SCHAUBÜHNE

WUNDERBAR: „DIE KLEINEN FÜCHSE“ AN DER SCHAUBÜHNE

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(Nina Hoss, Andreas Schröders, Iris Becher, Mark Waschke, Jenny König, photo © Arno Declair)

FREIHEIT & GIER

Eine Freundin sagte einmal zu mir: „Dazu kann keiner was sagen. Jeder hat seine eigenen Grenzen. Bei der Einen dauert es Jahre, bei der Anderen reicht es schon, wenn er zweimal zu spät kommt, um ihn zu verlassen. Manche können es nie.“  Daran habe ich mich erinnert, als ich das neue Stück an der Schaubühne „Die kleinen Füchse – The Little Foxes“ (Regie Thomas Ostermeier) gesehen habe. Eine wohlhabende Familie, eigentlich egal an welchem Ort und zu welcher Zeit: Gier, Konkurrenz, Träume von einem anderen Leben sind überall möglich. Ursprünglich liegt die Handlung des Broadway Erfolgs „The Little Foxes“ (1939) von Lillian Hellman in den amerikanischen Südstaaten um 1900.

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Ein wunderbarer Abend: Über zwei Stunden fasziniert vom Spiel. Vielleicht nennt man es Sogwirkung, Raum und Zeit zu vergessen, mitfühlen, lachen, Angst haben, mich, uns wiedererkennen.

Herrlich der Anfang zum Ankommen: Musik, eine Gesellschaft betritt den Salon, setzt sich an die gedeckte Tafel mit weißer Tischdecke, scheint sich zu amüsieren. Die Schiebetüren schließen sich, nur ab und an kommt jemand heraus, um im Gegensatz-Salon mit schwarz kaltem Ledersessel-Arrangement zu telefonieren.

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Jenny König, David Ruland, Moritz Gottwald, Mark Waschke, Nina Hoss, photo © Arno Declair

Hinten im Esszimmer liegt die Vergangenheit, Erinnerung an das Familiengut, Holzstühle, weiße Wäsche wird von der Haushälterin Addie (Jenny König) zusammen gelegt. Vorn wird Business gemacht. Da zählt es nicht, ob man Bruder oder Schwester ist, seine Tochter wegen höherer Rendite einem innerfamiliären Schwachkopf zur Frau verspricht.

Das geplante Geschäft ist zu groß, verführerisch, um an Familienbande zu denken. Verachtende Ehefrau, Mutter und Schwester Regina Giddens (Nina Hoss) zieht die Strippen, um den ganz großen Clou einzutüten. Jeder hat seine Ambitionen: Ein Gestüt, Haus am Meer, der befriedigende Blick auf den Kontostand. Regina will nach New York, aber nicht irgendwie, mit den Taschen voller Geld, Glamour und Kontakte will sie, ihre Ehe mit dem todkranken Zeitgenossen des Mittelstands Horace Giddens (Thomas Bading) hinter sich lassen. Pure Verachtung und finanzielle Abhängigkeit sind ihre Triebfedern, die mit den Jahren aus ihr eine zynische, machtversessene Frau gemacht haben, die sich aus der Konkurrenz ihrer beiden Brüdern lösen will. Moral steht ihr dabei nicht im Weg.

Ihre Brüder in Anzügen, fast austauschbar und doch unterschiedlich. Ben Hubbard (Mark Waschke) ein smarter Macher mit Witz und konformistischem Charme, der im Notfall von nichts weiß. Oscar Hubbard (David Ruland), der heimlich seine Frau von hinten in den Rücken schlägt und seinen Sohn Leo (Moritz Gottwald) einimpft: „Der Mensch hat die Pflicht an sich selbst zu denken.“, um ihn später anzuschreien: „Was stehst du da mit deinem Scheiß Keks.“ Es sind ja oft die unauffälligen blassen, die in den eigenen vier Wänden zu brutalen Despoten mit roter Gesichtsfarbe werden.

Für Regina Giddens ist es Demütigung, abhängige Frau zu sein, kein Erbe erhalten zu haben und warten zu müssen, bis ihre Zeit gekommen ist. Nina Hoss mit kühler Ausstrahlung, disziplinierten Gesten in klassisch zurückhaltender Garderobe, streng hochgestecktem Haar, Emotionen in den Augen. Wie magisch angezogen, bin ich von ihrem Anblick, ihrer boshaft intellektuellen Ironie.

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Ursina Lardi, Nina Hoss, photo © Arno Declair

Geduld ist eine Haupteigenschaft, die die Frauen an den Tag legen müssen, bis der Moment gekommen ist, die eigenen Ziele wahr zu machen oder zu erkennen, dass man einfach nicht das Zeug dazu hat. Wie Birdie Hubbard (Ursina Lardi) mit dem privat-brutalem Oscar Hubbard verheiratet, die zwischen entschuldigten Kopfschmerzen & heimlichen Trinkträumen, zwischen „Könnte & Kann“ schwankt und ja doch weiß, dass sie nicht kann. Keiner zwingt sie verheiratet zu sein, hätte sie nicht 22 Jahre mal 365 Tage Zeit gehabt, abzuhauen, mit vierzig könnte man ja auch noch studieren, oder?

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Ursina Lardi, photo © Arno Declair

Ursina Lardi fand ich grandios, wie den ganzen Abend. Am Ende ein Applaus, der nicht enden will. Ich rufe begeistert zu meiner Begleitung: „Nochmal, nochmal.“, weil ich die Schauspieler, die sich, so glaube ich, glücklich auf der Bühne verneigen, wieder sehen will.

DIE KLEINEN FÜCHSE – THE LITTLE FOXES

von Lillian Hellman

Regie: Thomas Ostermeier

Mit: Nina Hoss, Ursina Lardi, Mark Waschke, Thomas Bading, Jenny König, David Ruland, Iris Becher, Moritz Gottwald, Andreas Schröders

Nächste Vorstellungen: Heute 22. Januar, 16., 18., 19., 20. Februar 2014/ 20.00 Uhr

SCHAUBÜHNE AM LEHNINER PLATZ

Kurfürstendamm 153

10709 Berlin-Charlottenburg

www.schaubuehne.de

 

 

 

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