MOMENTE AUS KUNST, FOTOGRAFIE, MODE, BERLIN & ANDERSWO

A MOMENT WITH: GERHARD KASSNER

A MOMENT WITH: GERHARD KASSNER

posted in Allgemein, MOMENTS WITH on by with 2 Replies

Am Donnerstag startet die 64. Berlinale. Zehn Tage wird die Stadt zum Hot-Spot für Cineasten, internationale Schauspieler auf Stipp-Visite, Produzenten, Nachwuchstalente, Autogrammjäger. Business wird gemacht, filmische Schätze gesichtet, Erfolge gefeiert, Enttäuschungen erfahren. Ich persönlich freue mich besonders, dass der Zoo-Palast wieder zu den Berlinale Kinos gehört. Gerhard Kassner ist der offizielle Berlinale-Fotograf, der Meister des visuellen Gästebuches, fotografiert die großen Stars & Sternchen, die am Wettbewerb teilnehmen. Über 1.100 Porträts hat er bisher in zwölf Berlinale Jahren von Schauspielern wie Cate Blanchett, Jeff Bridges, Catherine Deneuve, Juliette Binoche, Leonardo DiCaprio oder Nicole Kidman gemacht. In Kreuzberg besuche ich Gerhard Kassner in seinem Studio in der Bergmannstrasse. An den Wänden hängen riesige Porträts von Schauspielern, dazwischen kleine private Familien-Fotos.

waitamo_berlin_kunst_blog

Es ist ein großes Studio mit einer gemütlichen Sitzecke, sehr hohen Fenstern. Gerhard Kassner ganz in schwarz & leger gekleidet, trägt Haussandalen und erzählt, dass er die auch beim Fotografieren im Berlinale VIP-Bereich trägt. Ein bequemer Stand sei wichtig. Gerhard Kassner mag es zu erzählen. Er hat viele Anekdoten abgespeichert und ich höre ihm gern zu. Mich interessiert, ob der Job nach zwölf Jahren zur Routine wird oder die Aufregung, den Top-Stars der Filmbranche so nah zu kommen, immer noch da ist, ob digitale Fotografie die Porträt-Fotografie verändert hat, er noch unbeeinflusst vom persönlichen Kontakt Filme sehen kann oder welchen Tipp er jungen Fotografen mit auf den Weg geben würde.

Bist Du Berliner?

Nein, um Gottes Willen. Ich bin ein Schwabe, komme aus Augsburg. Ich lebe seit 30 Jahren in Berlin.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Die Fotografie ist meine Leidenschaft. Mein Onkel war Landschaftsfotograf, das hat mich infiziert, da war ich siebzehn. Er hat mit mir Bergtouren gemacht und Blumen im Licht fotografiert. Nach meinen Ferien im Mont Blanc Gebiet wollte ich es dann genau wissen, warum mein Onkel von der Fotografie so begeistert war. Ich bin den klassischen Weg gegangen. Meine Eltern, sie hatten immerhin fünf Kinder, haben es mir erlaubt, Fotografie zu studieren. Ich habe an der HdK in Berlin studiert. Es geht darum Leidenschaft zu haben, ständig neu zu lernen, sich Zeit dafür zu nehmen, sich weiter zu entwickeln.

Wie wurdest du, fast kann man Berufung sagen, offizieller Berlinale-Fotograf?

Mit dem Festhalten der eigenen Geschichte. Porträts können dokumentieren, rückblickend Zeitachsen verfolgen, Erinnerungen festhalten. Emotionalität ist wesentlich, wenn man sich mit Porträts beschäftigt. Ich habe nach dem Studium Schauspieler-Porträts für die freie Volksbühne gemacht. Viele Dinge im Leben entstehen aus Zufall, das lernt man nicht im Studium. Das Bewusstsein für die eigene Wertigkeit begreift man nur langsam, z.B. mit der Frage: Was darf meine Arbeit kosten? 1985 habe ich mit der Porträt-Fotografie begonnen, von der Hand in den Mund gelebt. Für die Berlinale habe ich als Sponsoren-Fotograf angefangen. Als Dieter Kosslick 2001 Festival-Direktor wurde, gab es viele Veränderungen. Bis dato wurden die Berlinale-Porträts auf 50x60cm mit Polaroidkameras gemacht. Ich fand das toll und bewunderte diese Arbeit. Meine Begehrlichkeit für das Thema war da. Das wollte ich auch machen. Als Dieter Kosslick mich fragte, ob ich mir das vorstellen könnte, bzw. Ideen für eine neue Art der Porträt-Fotografie hätte, sagte ich natürlich ja. Zu der Zeit gab es den technologischen Sprung zur digitalen hochauflösenden Vollflächen-Kleinbild-Kamera, mit deutlich höherer Qualität. Es fiel mir damals wie Schuppen von den Augen, diese visuelle Präsenz, eine völlig neue Art zu fotografieren. Der Film musste nicht mehr über Nacht ins Labor. Man konnte live und detailliert auf die Realität blicken. Heute ist das selbstverständlich, damals war es ein Quantensprung.

Begrüßt Du die Künstler auf der Berlinale mit einer Standardbegrüßung?

Man begrüßt sich klassisch, mal mit Handschlag oder bei asiatischen Künstlern mit einer Verbeugung. Man kennt sich in der Regel nicht, man schaut sich in die Augen, ist präsent und offen. Der erste Moment zählt, ich spüre sofort, wie jemand drauf ist, wie der Habitus ist, ob es ein Regisseur oder Laien-Darsteller ist.

Deine Lieblingsstars?

Jeff Bridges, Jack Nicholson, Nicole Kidman oder Jürgen Vogel.

waitamo_berlin_kunst_blog

Kannst Du Dich auf einen Film konzentrieren, wenn von Dir fotografierte Schauspieler mitspielen?

Ich liebe es. Während des Festivals habe ich ja gar nichts von der Berlinale. Es ist ein tolles Erlebnis die Schauspieler in ihrer Film-Rolle zu sehen, völlig anders als sie im Festival-Habitus waren. Léa Seydoux z.B. in ihrer königlichen Haltung beim Shooting, das war ein tolles Erlebnis und sie dann in anderen Zusammenhängen zu sehen. Im Nachgang gehe ich ab und an in die Videothek und schnappe mir einen Film. Ich gebe mir das Festival-Programm über die Jahre. Es ist toll, die Nähe zu den Schauspielern gehabt zu haben.

Das Schönste für Dich an der Berlinale?

Diese positive energetische Welle, ähnlich einer Surfer- oder Adrenalinwelle. Alles muss auf den Punkt genau stimmen. Man muss sehr gut organisiert, gut drauf sein. Toll ist auch, dass ich seit zwölf Jahren mit dem gleichen Assistenten zusammen arbeite.

Wie hat die digitale Fotografie das Genre der Porträt-Fotografie verändert?

Das hängt sehr davon ab, ob man privat fotografiert oder ob es Business ist. Der Vorteil der Digital-Fotografie ist, dass man gemeinsam zu Entscheidungen kommt, man ist im direkten Dialog. Das ist auch  meine Bedingung bei den Berlinale Porträts, dass wir gemeinsam entscheiden. Ich mag es unmittelbar.

Seit 12 Jahren bist Du offizieller Berlinale-Fotograf, da kann man von einem loyalen Arbeitgeber sprechen, oder?

Ja, das hat mir ermöglicht, zwölf Jahre eine Konstanz zu haben. Ich bin mir treu geblieben, ich experimentiere zwar gern, sehe aber die Kontinuität der Bildsprache als verlässlich. Der Hintergrund ist neutral, wir arbeiten mit klarem Licht. In den ersten Jahren war bei mir natürlich eine Nervosität da, der ganze Star-Rummel, da hatte ich auch meine Unsicherheiten. Heute ist es eher eine lustvolle Aktion, kurz mit jemanden zusammen zu arbeiten, ohne viel Regie und spaßbetont.

Berlinale 2012, Starporträts im Berlinalepalast

Ansicht der Berlinale-Porträts von Gerhard Kassner im Berlinale-Palast, 2013, photo © Gerhard Kassner Photography

Bist Du noch ab und an aufgeregt?

Selten, das ist eher eine positive Neugier, selbst bei den Super Stars. Wir machen ein visuelles Gästebuch und kein Vogue Porträt. Es geht nicht darum, die Person zu sehr zu stilisieren. Es geht um Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit, das schätzt auch das Publikum.

Reisen die Stars mit eigener Hair- & Make-up Entourage an?

Die großen Stars kommen oft mit drei Leuten: Styling, Haare, Make-up und zum Teil mit eigener Beleuchtung.

Wie schnell merkst Du, ob Du einen Draht zu Deinem Gegenüber hast?

Das Fotografieren an sich dauert nur ca. eine Minute, das ganze Prozedere vielleicht 3-4 Minuten. Das geht alles sehr schnell. In der kurzen Zeit sieht man ganz schnell, steht die Person gerne da oder will sie lieber wegrennen. Bei den Nahaufnahmen mit Teleobjektiv bin ich den Menschen ganz nah, die Innerlichkeit wird sichtbar, ich sage das dann auch. Die Schauspieler wissen dann sofort Bescheid, fokussieren sich, oft mit direktem Blick. Das ist spannend, jemanden so nahe zu sein. Ich habe ein großes Empfinden, gerade über den Blickkontakt. Ich kann auch Traurigkeit spüren, das berührt mich dann sehr. Schauspieler können Gefühle gut rüber bringen.

 waitamo_berlin_kunst_blog

Entstehen Freundschaften oder ist es reines Business?

Das ist Business, Teil des Festivals und des Protokolls. PR- Leute checken alles gegen. Es gibt auch Stars, die im Vorfeld den Dialog suchen, sie haben Vertrauen, was da abläuft und entscheiden gleichzeitig mit.

Spürst Du Nervosität bei jungen Schauspielern?

Na klar. Ich versuche ihnen die Scheu zu nehmen, sie herauszufordern. In ihren Film-Rollen sind sie präsent, haben was drauf. Ich kann damit sehr gut arbeiten, ihre Verletzlichkeit sehen. Dann kann es auch manchmal länger dauern. Das ist eben die Herausforderung in dem kurzen Zeitraum.

Wann hat ein Gesicht Charakter?

Jedes Gesicht hat Charakter. Es gibt natürlich Unterschiede, aber das ist formalistisch. John Goodman hat z.B. eine wahnsinnige Präsenz, ihn habe ich mit ehrfürchtigem Abstand im Hochformat fotografiert. Das Ergebnis will ich so auch sehen.

waitamo_berlin_kunst_blog

Wie hat sich die Berlinale mit den Jahren verändert?

Die Ära Dieter Kosslick hat die Berlinale auf eine breite Basis gebracht. Er hat mit den Selektionen und Programmbereichen, wie z.B. Talent Campus, Goes Kiez, Panorama nochmal eins drauf gesetzt. Das Festival ist gewachsen, der Filmmarkt ist bedeutend. Die Berlinale ist der Zeitpunkt, um Deals zu machen.

Kennst Du Stress?

Nur wenn jemand unnötigen Druck macht.

Ist der Job Routine für Dich?

Diese zehn Tage im Jahr sind ein Highlight. 255 Tage im Jahr mache ich was anderes. Ich freue mich immer drauf.

Wer steht noch auf Deiner Porträt Wunsch-Liste?

Das ist ja abhängig vom Wettbewerb. Aber da gibt es einige, wie Brad Pitt oder Robert Redford.

Welche Outfit-Farben machen sich denn gut bei einem Porträt?

Als erstes nehme ich den Schauspielern den Berlinale Schal weg. Dunkle Töne sind gut, wenn der Fokus auf der Haut, dem Gesicht, den Händen liegt. Hell und leuchtend wird gern von asiatischen Schauspielerinnen getragen, ein Farbtupfer. Jeder kann kommen, wie er möchte. Daniel Day-Lewis habe ich schon drei mal fotografiert. Einmal kam er mit einer rot schwarzen Holzfällerjacke und einem lindgrünen Rollkragen Pullover. Ich habe mich im Nachhinein geärgert, dass ich ihn nicht gebeten habe, die Jacke auszuziehen. Das wäre ein sehr schönes asketisches Porträt geworden.

Lässt Du Dich gern fotografieren?

Das ist ok.

Die meisten Porträtierten schauen direkt in die Kamera, andere wie Charlotte Gainsbourg nicht oder Wong Kar Wei, der eine Sonnenbrille trägt.

Das ist die freie Entscheidung der Porträtierten. Charlotte Gainsbourg ist sehr scheu. Oft sind Vollblut Schauspieler zurückhaltend.

Kann man in den 3-4 Minuten den Humor einer Person erkennen, ich denke z.B. an das Porträt von Jeff Bridges?

Ja, man kennt ja den Darsteller aus seinen Rollen. Jeff Bridges ist ein souverän zugewandter Typ, der selber sehr gut fotografiert. Zu jedem Film, den er macht, fotografiert er mit seiner Panorama Kamera die Crew, Cast und, und, und. Er hat einen sehr guten Blick.

waitamo_berlin_kunst_blog

Ein Wort zu Cate Blanchett?

Sphärisch.

Ist Catherine Deneuve wirklich so eine Diva?

Definitiv.

Ein Tipp für junge Fotografen?

Erfolg hat man nur mit Leidenschaft als Person und für die Sache. Man muss die Themen zu seinen eigenen machen. Ich könnte auch keine Autos fotografieren, weil ich kein Auto-Fan bin. Man braucht das richtige Gefühl und Gespür für die Technik. Technikfragen dürfen nicht relevant sein, dann geht gar nichts mehr. Man sollte gerade aus sein, sich interessieren. Wenn man sich für Menschen interessiert, kann man gute Porträts machen.

Würdest Du heute nochmal Fotograf werden?

Ja.

Merci Gerhard

www.kassnerfoto.de

 

 

2 Comments on “A MOMENT WITH: GERHARD KASSNER

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.