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AI WEIWEI „EVIDENCE“: MARTIN GROPIUS BAU

AI WEIWEI „EVIDENCE“: MARTIN GROPIUS BAU

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Als ich die Ai Weiwei Ausstellung „Evidence“ besuche, ich hatte große Erwartungen, noch nie habe ich die Werke des chinesischen Künstlers gesehen, liegt der Geruch von Wald, über den es letzte Nacht geregnet haben muss, in der Luft des Entrées.  6.000 Hocker, die wie gerodete Baumstämme im Atrium stehen, geben das wunderbare Gefühl von Weite und gleichzeitiger Einheit. Die Hocker ähnlich, zwischendurch mal einer in türkis oder gelb, sind gesammelte Holzschemel aus der Ming- und Qing Dynastie und der Volksrepublik China. Ein Hinweis auf die bäuerliche Tradition des Landes und ihre Vergänglichkeit, der Übergang von der alten in die neue Welt, was ich an der Arbeit von Ai Weiwei großartig finde. Hocker, die zurückgelassen werden, wenn die Bauern in die Städte ziehen. Für einen Moment hatte ich Lust über die Hocker unter dem feinen Stoff des verhangenen Atrium-Daches zu laufen. Vielleicht weckt der Anblick von Gleichheit den Wunsch danach, besonders zu sein, die Masse zu verlassen, um dann wieder dazu zugehören.

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Die hölzernen Hocker (Stools, 2014) sind ein melancholisches Bild eines sich auflösenden Zeitalters, seiner  Geschichte und Schlüssel für die weitere Ausstellung. Die von Ai Weiwei mit Autolack überzogenen Vasen der Han-Dynastie glänzen in bekannten Straßenbild-Farben von Mercedes Benz und BMW, verlieren aber trotzdem nicht die Aura ihrer vergangenen Kultur, die unter der dünnen Oberfläche erkennbar bleibt.

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Nachdem ich die Vasen gesehen habe, betrachte ich den Fußboden des Martin Gropius Baus genauer, die Fliesen mit den Blumenmustern und habe Lust die Vergangenheit dieses Ortes zu sehen, der sich nur ein paar Meter von der ehemaligen Berliner Mauer befindet.

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Vielleicht liegt es daran, dass man die Mauer-Zeit kennt und deshalb sensibel ist, wenn bei Künstlern politische Unterdrückung zum Ausdruck ihres Schaffens wird, wie z.B. bei Ai Weiweis nachgebildeter Zelle seiner 81-tägigen Inhaftierung oder die Plastikbügel, die in einer Vitrine liegen, die er sich in der Haftzeit erbat, um seine Kleidung aufzuhängen. Ich denke darüber nach, dass wir Ai WeiWeis Kunst in der extra für den Martin Gropius Bau konzipierten Ausstellung sehen können, er ein Forum im Ausland hat, was den Gedanken zulässt, dass es in China sehr viele Künstler geben wird, die wir nicht kennen. waitamo_berlin_kunst_blogDas Festhalten an einer sich verabschiedenden Welt, die verbraucht wird, im Zusammenbruch ist, Ai WeiWei vermischt seine Erfahrungen mit dem jetzigen China und der traditionellen  Rückbesinnung, wenn er z.B. den Beton- und Ziegelschutt seines von den Behörden 2011 in Shanghai abgerissenen Atelies in einem alten Holzrahmen zusammen hält (Souvenir from Shanghai, 2012).

Ai Weiwei scheint die Regeln der neuen Welt gut zu kennen, er ist ein Meister der medialen Inszenierung. Interessant finde ich sein Werk „Koffer für einen Junggesellen“ (1987) aus seiner New Yorker Zeit, wo er von 1983- 1993 lebte, die für eine Suche nach dem westlichen Blick stehen kann, der Koffer, der neben Zahnpasta und Becher für einen großen Spiegel Platz hat. Ein Spiegel zur Selbstbetrachtung.

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Es zieht einen von Raum zu Raum, die mit chinesischen Schuldscheinen tapeziert sind. Mich begeisterten seine Werke, wenn er die Vergangenheit mit den modernen Tendenzen in Verbindung bringt, die keine Ländergrenzen kennen, wie bei „Cosmetics“, wo er aus Jadeobjekten moderne Behälter für Kosmetikprodukte macht oder alte Stühle und Tische mit einer Patina bedeckt, ihre Vergangenheit und Gebrauchsspuren auslöscht, Zeit zum Nachdenken über Originalität und Verflogenes gibt, man muss nicht immer vergleichen. waitamo_berlin_kunst_blog

Schön finde ich, dass mir die Ausstellung Lust zum Nachdenken über die eigene Geschichte und Herkunft macht, auch wenn der Ursprung woanders liegt und China ein Land mit einer eindrucksvollen Kultur ist. Vielleicht ist genau das in der neuen Welt nicht mehr so wichtig, wo der Ursprung liegt, wir können überall sein, Entwurzelung inklusive oder uns dem Wandel verweigern, ab und an.

 AI WEIWEI EVIDENCE

 3. April- 7. Juli 2014

 Martin Gropius Bau

 Mi- Mo: 10.00- 19.00/ Di: geschlossen/ ab 20. Mai tgl. 10.00- 20.00

 Niederkirchnerstraße 7

 10963 Berlin

 www.gropiusbau.de

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  (photos © hannes hametner)

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