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MAXIM GORKI THEATER: ES SAGT MIR NICHTS DAS SOGENANNTE DRAUßEN

MAXIM GORKI THEATER: ES SAGT MIR NICHTS DAS SOGENANNTE DRAUßEN

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Ich hatte mich gefreut auf den Abend im Maxim Gorki Theater und das Theaterstück „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ von Sibylle Berg, deren Kolumnen und Bücher ich sehr mag, weil sie mit einer Brise Humor und sensibel, die kleinen Beobachtungen des Lebens beschreibt.

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Manchmal kommt es anderes, als man denkt. Vier Frauen stehen im Schlabber-Look auf der Bühne. Schnell ist klar, ihnen ist so ziemlich alles egal. Sie klagen im Sprech-Chor über ihr weibliches Leid, die Welt da draußen: „Alles bleibt, wie es ist, grau.“ Die vier Mädchen-Frauen, über 40 hat man sowieso keinen Sex mehr und interessiert sich nur noch für funktionale Küchenausrüstungen und ob es einen Haar-Rückstand im Waschbecken gibt, erzählen wie auf Speed, von Dingen, die man aus der Wartezimmer-Lektüre kennt: „Ich kenne keine, die nicht süchtig nach Liebeskummer ist…..Man nimmt so schön ab dabei.“ Gegen den Liebeskummer weiß Frau im Stück sich nicht anders zu helfen, als sich kollegial und alkoholisch zu betäuben und zu klagen, dass man sich politisch korrekt und nachhaltig verhalten solle und sexy zugleich sein muss.

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Die Mädels tragen die Last einer sozial vernachlässigten Kindheit auf ihren Schultern. In der Pubertät prügelten sie zurück, machten andere zum „Opfer“, um zu überwinden, dass man klein, dick und hässlich sei, wegen der Herkunft ja sowieso keine Chance im normalen Leben hätte. On-Top wollte im Sommer-Camp keiner mit ihnen spielen. Schnell noch die Palette psychischer Störungen, Borderline und Ritzen ins Repertoire aufgenommen, damit man versteht, wie schwer es ist, mit den Anforderungen, die aktuell an Frauen gestellt werden, fertig zu werden: Schuhe und Kosmetik im Internet kaufen, reinlich und sauber zu sein. Natürlich wollen alle Vier auf keinen Fall eine Beziehung und alle Männer sind sowieso Beziehungsunfähig und von Blockaden besessen. Es wird geklagt, dass die Konfektionsgröße 38 mitleidige Verkäuferinnen-Blicke auf sich ziehe und dass man heutzutage blond, schlank sein müsse, die weißen Zähne nicht zu vergessen. Man sei so müde davon, sich abendlich vor dem Spiegel die Cellulite abzutasten. Um die Wichtigkeit der Aussage zu belegen, wird Madonnas Vogue-Tanz mit ausgestopften Röcken vorgeführt.

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Die arme Jugend von heute muss zum Off-Theater um hip zu sein, sich auf dem Gallery Weekend rumtreiben, Performances besuchen, sich auf Partys die Beine in den Bauch stehen und auch noch tanzen. Der Gesang geht weiter, natürlich muss man vor dem Club immer in der Schlange stehen und wird nur von dem hässlichen Jungen mit Akne und rotem Gesicht angesprochen. Schnell wird noch das Thema Arbeit und Geld abgehandelt. Das Leben besteht aus Arbeiten, Shoppen, Schulden machen, um final abzudanken: „Um die nachhaltig perfekte Leiche zu sein?“ Sex sei völlig überbewertet, man habe sowieso keinen Spaß dabei und renne danach auf die Toilette mit der Frage: „Was verdammt nochmal ist falsch mit mir?“ Mein Mitleid hält sich in Grenzen.

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Schnell wird noch herausgefunden, dass man einen Katalysator für den ganzen Frust braucht, dann ist man eben gegen „die Roma oder so.“ Weil immer noch eins mehr geht, wurde man in der Kindheit nicht mit Liebe bedacht, sondern mit X-boxen, Computerspielen und anderen Gadgets. Der Vater ist mit 16 verschwunden, die Familie sei an allem schuld. Ich denke am Ende der Vorstellung, dass ich froh bin, wieder draußen zu sein und eigentlich niemanden kenne, der sich so im Kreise dreht.

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Der Garten im Gorki-Theater danach erinnert mich an osteuropäische Sommernächte und die einfache Freude, das Leben genießen zu können, egal was die Welt da drinnen zu sagen scheint.

ES SAGT MIR NICHTS, DAS SOGENANNTE DRAUßEN

von Sybille Berg

Regie: Sebastian Nübling

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas

Nächste Vorstellungen: 17./ 18./ 21./ 22. Mai, 14. Juni 2014

Maxim Gorki Theater

Am Festungsgraben 2

10117 Berlin-Mitte
www.gorki.de

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