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A MOMENT WITH: CAI WAGNER VON DER GALERIE WAGNER + PARTNER

A MOMENT WITH: CAI WAGNER VON DER GALERIE WAGNER + PARTNER

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Ich habe mich öfters gefragt, nach welchen Kriterien Galeristen ihre Künstler auswählen, von denen es in Berlin so unglaublich viele gibt oder andersherum, wie kann ein Künstler eine Galerie finden. Cai Wagner, der seit vierzehn Jahren die Galerie Wagner + Partner führt, eine Galerie, die mich mit Ausstellungen z.B. von Natascha Stellmach oder der „Hommage an Berlin“ von Olaf Erwin begeistert, ist auch Verfasser des anschaulichen Ratgebers „Eine Galerie finden“.

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„Homage to Berlin“, Erwin Olaf

Am Strausberger Platz, der Springbrunnen ist das sommerliche Erkennungszeichen der Karl-Marx-Allee, hat die Galerie Wagner + Partner ihren Sitz. Galerien sind oft Orte, die durch ihre minimalistischen Räume eine besondere Aura haben. Es scheint, dass sie mit der Hektik hinter den Glasscheiben auf der Straße nicht zu tun haben. Cai Wagner und ich sind an einem frühen Morgen verabredet. Sein Terminkalender ist voll. Am nächsten Tag geht es nach New York, danach gleich weiter nach Amsterdam. Wir trinken einen Kaffee zusammen. Ich schaue mir nochmal die Ausstellung „Clearing Space“ von Raissa Venables an und frage Cai Wagner, der einen wunderbaren Humor hat, wie er seine Künstler auswählt, was ein Künstler heutzutage braucht, um Erfolg zu haben, wie er die Berliner Kunstszene einschätzt oder was er von dem Berlin Mythos hält.

Du hast in Berlin Theaterwissenschaften und Germanistik studiert, danach als Bühnenbildner gearbeitet. Warum bist Du 2000 Galerist geworden?

Ich habe mich schon immer mit Kunst und Malerei beschäftigt, bin aber nicht auf die Idee gekommen, eine eigene Galerie aufzumachen. Der Massenbetrieb an der Uni hat mich frustriert. Meine „Rettung“ waren Praktika z.B. beim Deutschen Theater bei Heiner Müller Anfang der 90er Jahre. Nach der Uni war ich viel am Theater unterwegs. Der Theaterbetrieb ist eine Maschinerie, die Arbeit als Bühnenbildner umfasst fast alle Komponenten. Das bedeutet Stress. So wollte ich nicht weitermachen. Als mich Bekannte, die Kunstsammler waren, gefragt haben, ob ich Lust hätte, eine Galerie mit ihnen aufzumachen, bin ich wie die Jungfrau zum Kind zu einer Galerie gekommen. So etwas ist heute in Berlin ohne Kapitaleinsatz kaum mehr möglich. Der Wettbewerb ist härter geworden. Heute würde ich an die Sache anders ran gehen, zum Beispiel erst einmal ein Praktikum in London oder New York machen, um die Kunstszene kennen zu lernen. Ahnung von der Kunst haben ist das Eine, das Netzwerk und die Multiplikatoren das Andere und entscheidend für den Erfolg. Ich bin damals naiv an den Start gegangen.

Du hast Dich mit Deiner Galerie auf zeitgenössische Malerei und Fotografie spezialisiert. Wie wichtig ist eine Fokussierung?

Sehr wichtig, wenn Du nicht im Top-Segment bist, wo man alles im Programm haben kann. Die Nische bietet die Chance einer erhöhten Wahrnehmung. Neu ist, dass große Galerien sich zu eigenständigen Marken entwickeln. Das Image soll sich auf die Künstler und Käufer übertragen, ähnlich wie bei Luxusmarken in der Mode.

Nach welchen Kriterien wählst Du die Künstler aus, mit denen Du zusammenarbeitest?

Übergeordnet sind für mich der Mensch und die Kunst, das mag ich nicht voneinander trennen. Die Kunst ist schwer zu vermarkten, wenn man menschlich nicht miteinander klarkommt. Die persönliche Integrität liegt mir am Herzen und ist verwoben mit der Qualität des Künstlers. Ich achte auf eine mittel- bzw. längerfristige Perspektive und folge keinen kurzfristigen Trends. Bei Künstlern gibt es Entwicklungen, Hoch- und Tiefpunkte. Die Idee ist auch zusammen durch Tiefpunkte zu gehen. Ich erwarte von der Kunst eine Mehrschichtigkeit. Sie muss ästhetische und konzeptuelle Schichten bieten und auf mehreren Ebenen „lesbar“ sein.

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Hörst Du auf Deine Intuition?

Klar.

Wie bedeutend sind für Dich erste Erfolge eines Künstlers, oder anders, gehst Du auch Risiken ein?

Die Auswahl jedes Künstlers stellt ein Risiko dar. Ich mache ja keinen Kunsthandel. Ich bin Erst-Galerist mit dem Ziel, junge und wenig bekannte Künstler im Markt zu platzieren, sichtbar und bekannt zu machen. Verbunden mit einer Wertsteigerung.

Wie viel Enthusiasmus ist für das Führen einer Galerie nötig?

200 Prozent Enthusiasmus. Galeristen sind die Künstler unter den Kaufleuten, sagt man.

Die von Dir vertretenen Künstler haben alle studiert. Wie wichtig ist eine fundierte Ausbildung?

Wichtig! Es ist ein Faktum, das es zu viele Künstler gibt. Am Ende gibt es die Käufer und davon viel zu wenig. Dazwischen gibt es eine Menge Galerien. Das Angebot ist überwältigend und die Nachfrage klein. Ein Studium ist ein Auswahlkriterium und ein Gradmesser für Professionalität. Natürlich gibt es Ausnahmen von Genialität. Gerade in Berlin ist das subjektive Bedürfnis, Kunst als Form eines Lebensstils zu machen, sehr ausgeprägt: Ich bin Künstler, lebe in Berlin, habe ein Studio, trinke gerne Rotwein usw. Das fügt sich oft nicht in den künstlerischen Arbeitsprozess ein. Viele Künstler ohne Studium sind oft nicht gut informiert, wie lange z.B. eine Tendenz schon durch ist. Umstände für die man in der Wissenschaft ausgelacht werden würde. Wir leben zwar in der Zeit der Retro-Kunst, aber auch da gibt es bestimmte Kreisläufe. Viele machen ihre Hausaufgaben nicht. Genauso wie sich der Mythos der Pariser Avantgarde und Bohème der 1910er und 20er in den Köpfen hält, wollen viele an dem Berliner Mythos und Lebensstil teilhaben. Es ist attraktiv, Künstler zu sein.

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„Smoking Gun“, Natascha Stellmach

Was bewegt Künstler in Berlin eine Galerie zu haben?

Berlin hat nach wie vor einen guten Ruf in der Kunstwelt, den ich im Moment gefährdet sehe. Aber natürlich ist ein New Yorker Künstler, wie z.B. Jason Brinkerhoff, der seine erste Ausstellung 2015 außerhalb bei uns macht, sehr interessiert in Berlin präsent zu sein.

Ist der Berlin Mythos überholt?

Der ist stark gefährdet. Da mache ich mir die größten Sorgen. Es war ein fataler Fehler, das Artforum abzuschaffen. Die Szene ist auch problematisch, stärker denn je zerstritten. Dazu kommt ein inkompetenter Bürgermeister, der, was zeitgenössische Kunst betrifft, planlos ist. Ich denke an das Desaster um „based in Berlin“ 2011 und die jahrelange Diskussion um die Berliner Kunsthalle, die Wowereit gegen den Willen der Szene durchsetzen wollte. Berlin profitierte von der Aufbruchstimmung, die aber nicht richtig kanalisiert oder gefördert wird.

Wie hat sich der Berliner Kunstmarkt verändert?

Das Artforum ist weg und die ABC allein kann es nicht bringen, die Leute im Herbst nach Berlin zu ziehen. Die Preview hat noch nicht mal das Bewerbungsverfahren auf ihrer Seite veröffentlicht. Gibt es schon Räume? Die Karawane zieht schnell weiter. Die internationale Konkurrenz ist sehr hoch mit der Art Basel, Miami, Hongkong oder der Frieze. Berlin fällt da hinten runter. Es gibt eine Handvoll Berliner Sammler. Im Vergleich zu Paris, London, New York gibt es aber nicht das finanzielle Potential. Berlin ist arm und in der Transitionsphase. Nach dem Mauerfall gab es einen Aufschwung, ein Aufleben, das die breite Masse an Menschen erfasst hat. Künstler haben hier ihre Karrieren begonnen, die Phase ist ans Ende gekommen. Die Stadt hat keinen Binnenmarkt. Berlin wandelt sich. Geld gibt es im Immobilienmarkt. Sicher wird Berlin irgendwann wohlhabend, die Frage ist nur wann?

Kann man von einer speziellen Tendenz bei der Berliner Kunst sprechen?

Würde ich nicht sagen.

Gibt es eine vernetzte Berliner Kunst-Szene oder besteht sie aus Einzelkämpfern?

Die meisten Galerien kochen ihr eigenes Süppchen. In der Wirtschaft und in anderen Branchen gibt es über Berufsverbände eine sinnvolle Vernetzung. Die Kunstszene ist einmalig mit dem Prinzip des nach oben Anlehnens. Jeder versucht sich im Licht eines Größeren zu sonnen und die fahle Dämmerung der Kleineren zu vermeiden. Der Potentere ist dein Intimus, der Schrott wird nicht erwähnt. In jedem dritten Satz wird mitformuliert, das ist mein Sammler. Auch gibt es in der Kunst immer eine Jury und kein Wettbewerbsrecht. Die Entscheidungen sind daher persönlich und willkürlich. Ein anderes Beispiel ist das Desaster der Mehrwertsteuererhöhung für den deutschen Kunsthandel von sieben auf neunzehn Prozent. Die Kunst als schützendes Gut wie das Buch beispielsweise wird dem Konsumgut gleich gesetzt. Da hätte ein Aufschrei durch die Galerieszene gehen müssen.

Was sind die wichtigsten Eigenschaften, die ein junger Künstler, Talent vorausgesetzt, mitbringen sollte, um Erfolg zu haben?

Vollkommener Einsatz, Wille zum Erfolg, Belastbarkeit, Reisebereitschaft, Mut.

Wie viele Niederlagen sollte man als Künstler verkraften können?

Das kann man nicht generalisieren. Zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr stellen sich meiner Erfahrung nach oft die Weichen. Im Idealfall hat man studiert, die erste Einzelausstellung gehabt, Stipendien bekommen. Mitte dreißig beginnt oft die Saure-Gurken-Zeit. Die Stipendien laufen aus, man stellt fest, dass man bestimmte Ausstellungen und Galerien nicht erreicht, nicht den Erfolg hat, den man sich gewünscht hat. Man sieht die Anderen an sich vorbei ziehen, vielleicht haben die auch eine Eigentumswohnung. Dann kommt die eigene Familie, man muss einen Job machen. Die Lebenswege sortieren sich neu. Viele wechseln dann in die angewandte Kunst, machen Webdesign oder ähnliches, was wirtschaftlicher ist.

Und wie viele Niederlagen des Künstlers verkraftest Du als Galerist?

Wie heißt es so schön, alle guten Dinge sind drei. Ich bin an einer mittel- bis längerfristigen Zusammenarbeit interessiert und bereit, kreative Krisen mitzutragen.

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Wie findest Du die Künstler, die du vertrittst?

Das ist eine Mischung aus Recherche und Empfehlungen. Strategische Weiterentwicklungen sind zunehmend mein Thema. Ich bin seit vierzehn Jahren dabei und schaue nach übergeordneten Variablen: Wo soll die Galerie zukünftig stehen. Ich gehöre nicht mehr zu den „up and comings“. Ich habe einen laufenden Kostenapparat. Ein Auswahlkriterium ist die Etablierung am Markt. Ich habe ein Mischprogramm auch mit ganz jungen Künstlern, wo eine Einzelausstellung nicht das bringt, wie bei einem etablierten Künstler.

Nimmst Du als Galerist Einfluss auf die Arbeit der Künstler?

Ich versuche, wo ich es für wichtig halte, zu beraten. Wir diskutieren, das ist ein Dialog. Was ich nicht tue, ist manipulieren.

Kannst Du Kunst noch genießen?

Das ist schon schwierig. Die naive, primäre Rezeption wird durch den Vorhang der Szenekenntnis verdeckt. Zum Beispiel wenn ich auf der Biennale in Venedig bin, kann ich mich kaum mit einer Arbeit beschäftigen, ohne das Courtesy Schild zu lesen. Wer ist erfolgreich, wer wird von welchem Kollegen vertreten. Auch mein Lesen von Kunstmagazinen erschwert die eigentliche Wahrnehmung von Kunst sehr. In der Kunstmarktverhaftung lässt sich Kunst nur auf erschwerte Weise sehen. Das wird krasser mit den Jahren. Ich freue mich, wenn mich etwas berührt oder begeistert.

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Wie viele Kunstmessen besuchst Du jährlich?

Zu viele.

Würdest Du Deinen Kindern viel Glück mit auf den Weg geben, wenn sie Künstler werden wollen?

Es ist ein schwerer Weg Künstler zu sein. Wenn sich eines meiner Kinder dafür entscheiden würde, würde ich das nicht verhindern. Vielleicht könnte ich ihnen dabei helfen, erfolgreich zu sein. Ich würde aber nicht darauf hinarbeiten. Viel interessanter wäre es, ob sie Galerist werden wollen. Darüber denke ich viel nach. Galerien haben oft nur die Lebensdauer, die etwa der Berufstätigkeit des Galeristen entspricht. Galerien werden kaum weiter geführt. Darüber rätsele ich viel, zumal die Wertsteigerung aus dem Aufbau, mit den Künstlern, dem Netzwerk, der Marktposition erst mit der Zeit eingelöst wird. Es ist ein sehr personalisiertes Geschäft und jung soll es sein. Es gibt kaum Galerien, die seit Generationen geführt werden. Ich könnte meine Kinder in das Geschäft einführen, sie müssten nicht von vorn anfangen. Es wird interessant, ob die eigenen Kinder Interesse an dieser Arbeit haben. Es ist ein toller Beruf, macht viel Spaß und ist vielfältig.

Würdest Du wieder Galerist werden?

Sofort.

Kaufst Du Kunst?

Ja. Das macht noch mehr Spaß. Ich habe mehr als ich aufhängen kann. Ich habe wohl das Sammlersyndrom.

Was interessiert Dich außerhalb der Kunst?

Literatur natürlich, Theater, Film, Design. Unendlich Architektur unter dem Aspekt Urbanismus, wie jetzt beim Tempelhofer Feld, was direkt ins praktische Leben greift. Kultur ohne Ende.

Was ist ein glücklicher Moment für Dich?

Da gibt es ganz viele, regelmäßige. Wenn ich mit dem Fahrrad durch die Stadt fahre, Menschen, schöne Frauen sehe, das Treiben auf den Straßen.

Hast Du Visionen für dieses Jahr?

Ja. Ich heirate meine Traumfrau.

Merci Cai!

www.galerie-wagner-partner.com

TIPP: Das Ratgeber-Buch: „Eine Galerie finden“, Cai Wagner, jovis Verlag, 2012

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