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BERLINER STAATSOPER: FOOTFALLS/ NEITHER VON SAMUEL BECKETT & MORTON FELDMAN

BERLINER STAATSOPER: FOOTFALLS/ NEITHER VON SAMUEL BECKETT & MORTON FELDMAN

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Ein Sonntagabend, der sonst meist dem familiären Tatort vorbehalten ist oder der langsamen Talfahrt hinunter vom Wochenende in den Montag, kann mit einem anderen Programm alles in Frage stellen. Katie Mitchell, deren Art, Theater zu machen ich sehr mag, hat im Rahmen des INFEKTION Festivals für zeitgenössische Musik, die Oper Footfalls/Neither nach den Texten von Samuel Beckett und der Musik von Morton Feldman neu inszeniert. Es ist ein goldener Abend, das Licht spielt verzückt im Glasfoyer des Schiller-Theaters, dem temporären Zuhause der Staatsoper. Ich war lange nicht in einer Oper, in einer zeitgenössischen noch nie.

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Der Abend beginnt mit dem Einakter Footfalls (Tritte). Eine Frau allein auf der Bühne spricht mit ihrer Mutter, die nicht zu sehen ist, aber überall zu sein scheint. Sie läuft über den Boden, neun Schritte hin und neun Schritte zurück. Eine offene Tür zeigt das Licht, da draußen, wohin die Tochter mit ihren Schritten nicht kommt. Eine Mutter-Tochter Beziehung geprägt von Abhängigkeiten, dem Wunsch der Mutter einen Gefallen zu tun, das Laken zu wechseln oder die Medizin zu bringen. Es ist immer zu früh. So kann man jemanden abhängig machen, indem man die zeitliche Erfüllung in die Zukunft stellt.

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Die Oper beginnt: Neither (Weder). Es ist eine Oper über die Möglichkeiten und Türen, die uns offen stehen könnten. Unseren lebenslangen Versuchen, ins Licht zu treten.

„…wie zwischen zwei lichten Zufluchten, deren Türen sobald

nähergekommen sacht schließen, sobald abgewandt

sacht wieder öffnen…“

Aus der Tochter werden neun Frauen. Vielleicht für jeden Schritt, den sie in der Vergangenheit ging, eine: Kindheit, Jugend, Ablösung, Älter werden. 9 Frauen und 12 Türen, die sich öffnen und schließen. Der Abend ist eine Choreographie der vorgezeichneten Wege, den Versuchen durch seine Tür zu gehen und dem Scheitern. Manchmal versuchen sich die Frauen voneinander zu lösen, zu entschlüpfen, doch kehren sie immer wieder in die Dunkelheit der vergeblichen Anstrengungen zurück. Wäre es nicht einfach, den Weg oder die Richtung zu ändern? Warum kann man nicht ankommen? Liegt es daran, dass man sich nicht von seinen Prägungen lösen kann?

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Ich dachte kurz, dass es eine perfekte Oper in der Midlife-Crisis ist. Denn so sehr sich die Frauen auch bemühen, gegen verschlossene Türen anzurennen, bleiben diese zu. So liegt es also nicht in unserer Hand, ob uns im Leben gelingt, wovon wir träumen? Wenn die Kraft hingegen zu schwinden scheint, man weder nervös vor und zurück tritt, in kleinen langsamen Schritten geht, Musik besänftigt, lassen Licht und Hoffnung berechtigt glauben, dass sich alles fügen kann. Man müsste nur noch hindurch gehen.

Vielleicht ist es die Kindheit, eine dominante Mutter oder was auch immer, damals wie heute der Grund dafür sein kann, nicht an das eigene Glück zu glauben, uns letztendlich in den Schoß des Altbekannten zurück treibt.

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Man muss sich auf den Abend einlassen wollen. Die Musik ist alles andere als eine harmonische Opern-Reise, die Türen mit Eigenleben erinnerten mich an den Film „Shining“ von Stanley Kubrick, die Kostüme eine Palette der Grautöne, was ich schade fand, weil Unsicher- & Verwirrtheit in allen Farbskalen zu Hause ist. Aber die Oper zog mich in ihren Bann, welche Türen sind mir verschlossen, gehe ich auf vorgeschriebenen Wegen, sollte ich mich mehr trauen? So schreibt Franz Kafka in „Vor dem Gesetz“: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

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FOOTFALLS/ NEITHER

STAATSOPER IM SCHILLER THEATER/ INFEKTION FESTIVAL FÜR ZEITGENÖSSISCHES MUSIKTHEATER 14. JUNI – 1. JULI 2014

weitere Vorstellungen: 24., 27., 29. Juni 2014

Footfalls (Text: Samuel Beckett), Neither (Oper: Morton Feldman, Text: Samuel Beckett, Regie: Katie Mitchell, Musikalische Leitung: Francois-Xavier Roth)
www.staatsoper-berlin.de

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