MOMENTE AUS KUNST, FOTOGRAFIE, MODE, BERLIN & ANDERSWO

A MOMENT WITH: MIRON ZOWNIR

A MOMENT WITH: MIRON ZOWNIR

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Seit über dreißig Jahren richtet Miron Zownir seine Kamera auf Augenblicke und Situationen, die man im Normal-Radius nicht unbedingt zu Gesicht bekommt, weil man in dieser Richtung nicht sucht, Schatten oft nicht zu den anvisierten Zielen gehören. Als radikale Fotografie der Gegenwart bezeichnet, fotografiert Miron Zownir in den großen westlichen Metropolen, wie London, Berlin, New York und gab dem Osteuropa nach dem sozialistischen Zusammenbruch ein Gesicht, das von Tragik und Armut erzählt. Ich treffe Miron Zownir kurz vor der Ausstellungseröffnung „A story to tell“, die von den Schattenseiten der Großstädte, Outlaws und Verlorenen Seelen, von Orten menschlicher Ansammlung großer Dichte handelt. „A story to tell“ ist eine gemeinsame Werkschau von Gregory Bojorquez, Joseph Rodriguez und Miron Zownir, die noch bis zum Sonntag in Berlin zu sehen ist. Miron Zownir trägt eine Sonnenbrille, wir laufen ein kleines Stück. Er hat an diesem Nachmittag eine leise Stimme, die Nachmittagssonne scheint, wir setzten uns auf eine Bierbank vor der Halle im ehemaligen Postamt, U-Bahnen fahren über die Straßenbrücke zum Gleisdreieck.

Warum haben Sie sich entschieden, Extremsituationen zu fotografieren. Momente, bei denen man normalerweise wegschaut?

Einer muss ja hingucken. Ich kann nicht so tun als ob ich blind wäre. Aber was sind Extremsituationen? Wenn jemand in der Öffentlichkeit verhungert, wenn sich jemand an Haken aufhängt, wenn jemand in einem Loch ohne fließendes Wasser haust, wenn obdachlose Kinder für ihren Lebensunterhalt betteln müssen, wenn sich jemand Schmerzen zufügen muss, weil er sonst nichts fühlt. Das sind zum Teil völlig unterschiedliche Voraussetzungen. Das eine ist nur extrem, das andere tragisch. Natürlich suche ich die Situationen, die aber vorhanden sind und manchmal stolpert man einfach darüber. Warum soll etwas tabuisiert werden, nur weil es unangenehm ist? Ich bin kein Entertainer, ich bin ein Chronist von Situationen die weh tun. Ich persönlich habe auch nicht nur Schönheit gesehen. Ich habe neun Jahre in der Lower East Side gelebt. Ich kenne die Slums von L.A. und West Hollywood. Ich habe Menschen in meinem persönlichen Umfeld gekannt, die am Leben verzweifelt sind. Das interessiert mich mehr als Fashion, obwohl das natürlich lukrativer wäre.

Es sind Fotografien dabei (z.B. Toiletten-Sex), die voyeuristischen Charakter haben. Ist es wichtig, Intimgrenzen zu überschreiten oder andersrum: muss jegliche Form menschlichen Daseins visualisiert werden?

Das ist kein Voyeurismus. Ich verstecke mich ja nicht und lauere mit meiner Kamera und einem Teleobjektiv heimlich hinter einem Gebüsch. Ich bin wahrnehmbar, präsent, gehe Risiken ein. Bei dem Fick auf dem Klo bin ich hochgeklettert und habe einfach fotografiert. Fotografie ist ein indiskretes Medium und wer nicht zu weit geht, zensiert die Realität.

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Miron Zownir, NYC 1981 © Miron Zownir, courtesy Hardhita Gallery

Warum beschäftigt Sie das Thema Armut und Haltlosigkeit?
Weil mit dem Gleichgewicht etwas nicht stimmen kann, wenn Millionen in Armut leben. Weil ich Mitgefühl für die Schwachen, Kranken und Entrechteten habe. Weil ich auf der Seite der Underdogs bin, auch wenn sie im Unrecht wären. Aber ich bin kein Weltverbesserer und ich habe auch kein Rezept für eine bessere Welt. Ich kann nicht so tun als wäre alles in Ordnung oder alles nur schlecht. Ich fotografiere und überlasse anderen die Interpretation. Die einen erkennen meine Empathie für die Schwachen oder meine Faszination für Rebellen und die anderen unterstellen mir Voyeurismus, Kälte oder Sensationslust.

Woher kommt das Interesse für Menschen, die anders sind oder über Grenzen gegangen sind?
Habe ich z. T. schon beantwortet. Ich gehe selber über Grenzen. Ich fotografiere, schreibe und mache Filme, die weit über die Toleranzen des Massenniveaus hinausgehen. Ich akzeptiere keine Tabus und finde es spannend, wenn Klischees gebrochen werden. Ich kann das nicht ins Allgemeine fassen. Jedes Foto hat seine eigene Story.

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Miron Zownir, NYC, 1982

Oft sind Rohheit, Gewalt und Kälte, gerade bei den Moskauer Arbeiten, Themen, die ein dumpfes Gefühl beim Betrachter hinterlassen. Wie ist es als Fotograf?
Nach Moskau bin ich unter ganz anderen Voraussetzungen gefahren. Ich hatte den Auftrag, das Moskauer Nachtleben zu fotografieren, aber das kannte ich schon aus anderen Städten, das war völlig beliebig und austauschbar. Was auf den Straßen abging war die pure Verzweiflung. Ich habe zuvor noch nie so viele kaputte und hilflose Menschen gesehen. Es war für mich klar, dass ich den ursprünglichen Auftrag abbrechen würde und dieses unvorstellbare Leid dokumentieren musste. Das passte natürlich nicht zum offiziellen Moskauer Vorzeigeimage, was mir so manchen Ärger mit staatlichen Autoritäten eingebrockt hat. Ich habe jeden Tag dort als psychotischen Zustand erlebt, eine Form der absurden Hilflosigkeit. Hätte ich die Augen zugemacht, würden diese Dokumente nicht existieren. Aber ich hätte auch weniger Alpträume. Es ist nicht so, dass ich wie ein Roboter blind einem Auftrag folge. Meine persönlichen Empfindungen und Reaktion gehen manchmal schon über die Schmerzgrenze. Aber das muss ich hier nicht kolportieren.

Können Sie nach dem Fotografieren solcher extremen Zustände normal weitermachen?
Wie schafft man es, Leichen zu sezieren oder zu waschen? Das Leben ist kein Wunschkonzert. Man kann sich in normalen Bereichen bewegen oder man geht darüber hinaus und riskiert etwas. Ich lasse mich auf Höllentrips ein.

Haben Sie ein schönes Zuhause?
Schöner als auf der Straße zu wohnen.

Was fasziniert Sie an Großstädten?
Von denen habe ich langsam die Schnauze voll. Aber was heißt das? Vielleicht nur von Berlin. Ich mag Veränderungen.

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Miron Zownir, Berlin 1980 © Miron Zownir, courtesy Hardhita Gallery

Bergen alle Großstädte den Moloch der Verrohung in sich, liegt es in der Natur des Menschen?
Es liegt am Menschen an sich und seiner Organisation. Was wollen sie? Was sind ihre Ideale? Wie werden sie manipuliert? Die Aasgeier dominieren. Die Großstadt ist die Arena, in der jeder mit jedem kämpft.

Fotografieren Sie auch Schönheit?
Nicht jeder, der im Dreck liegt, ist hässlich. Der kann auch seine Kicks und Highlights im Leben haben, die andere vielleicht nicht haben. Ich verallgemeinere nicht gerne, es gibt für alles Ausnahmen. Schönheit ist relativ.

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Miron Zownir, NYC, 1983

Was hat Sie an Petersburg und Moskau interessiert?
Der Osten hat mich immer interessiert. Ich bin Halb-Ukrainer, leider habe ich nie die Sprache gelernt. Mein Vater ist damals vor Stalin geflohen. Mit dreizehn habe ich die ganzen Russen gelesen Dostojewski, Tolstoi, Gorki, Lermantow etc.. Die erste Faszination der Literatur, die Welt in der man sein konnte, bevor man überhaupt gereist ist, war ein imaginäres Rußland für mich. Aber die Realität war natürlich ganz anders.

Schauen Sie privat auch so genau hin?
Das ist unterschiedlich und stimmungsgebunden. Wenn ich mir um einen Menschen, der mir nahe steht Sorgen mache oder wenn ich deprimiert bin, dann fallen mir Menschen um mich herum auf, deren Anblick meinen Zustand übersensibilisiert. Das ist wie ein lauter Schrei oder ein Stich im Bauch. Wenn man hingegen gut gelaunt ist, schaut man nicht nach rechts oder nach links. Wenn ich z.B. schreibe und unterwegs bin um über etwas nachzudenken, dann bin ich sehr introvertiert. Worte sind sehr assoziativ. Ich arbeite dann mit Erinnerungen, da kann man sich nicht ablenken lassen, kann sich keine äußeren Eindrücke aufdrängen lassen. Ich bin auch nicht immer auf der Suche nach interessanten Figuren. Ich bin nicht rund um die Uhr Fotograf. Ich brauche auch Zeit für mich selbst und für andere Projekte. Aber ich habe immer eine eine kleine analog Kamera dabei. Oder meistens.

waitamo_by_tanja_nedwig_miron_zownirWas interessiert Sie fotografisch an Berlin?
Klar kommen hier immer wieder Dinge auf einen zu, drängen sich förmlich auf mit 1000 Prozessionen etc. Es gibt maßlos viel zum Fotografieren, den CSD, die Tattoo Convention, aber alles im überschaubaren Rahmen. Die Ukraine fand ich zehnmal spannender. weil es eine fremde Welt für mich war. Wenn es um ein konkretes Sujet geht, ist Berlin okay und es verändert sich dauernd, es wird immer neue interessante Ecken geben. Man hat nie alles gesehen. Sonst kann man gleich die Kamera einpacken und in Rente gehen.

Fotografieren Sie auch mal in Farbe?
Ich habe Filme in Farbe gedreht. Aber die wenigsten.

Was ist ein schöner Moment für Sie?
Den behalte ich für mich.

Merci, Miron Zownir!

A STORY TO TELL
BIS 28. SEPTEMBER 2014, 12.00- 19.00
(mit Werken von Gregory Bojorquez, Joseph Rodriguez und Miron Zownir)
Luckenwalder Straße 4- 6
10963 Berlin-Kreuzberg
www.mironzownir.com

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