MOMENTE AUS KUNST, FOTOGRAFIE, MODE, BERLIN & ANDERSWO

A MOMENT WITH: ALEXANDER STINGL

A MOMENT WITH: ALEXANDER STINGL

posted in Allgemein, MOMENTS WITH on by with 1 Reply

Kennengelernt haben ich den Fotografen Alexander Stingl vor mehr als fünfundzwanzig Jahren in Ostberlin. Ich kann mich gut erinnern, er kam gerade aus der Bildredaktion des Magazins und sprach mich an, ob er ein Foto von mir machen dürfe. Ein paar Tage später haben wir in seinem damaligen Studio in der Marienburger Straße im Prenzlauer Berg zusammen gearbeitet. Bis zum Mauerfall 89 waren es meist Ostberlinerinnen, die Alexander Stingl vor seiner Kamera erzählen ließ. Seine Arbeiten sind Porträts und Zeugnisse sensibler und zugleich lebenshungriger Frauen.

waitamo.de

photo © alexander stingl

In leiser und unaufdringlichen Art hat er in mehr als dreißig Jahren Frauen porträtiert, sie vor der Kamera durch Blicke, Körpersprache, manchmal versteckten Gesten ein Stück von sich preisgeben lassen. Der Bildband „Women“, der jetzt im Oktober erscheint, ist ein Querschnitt seiner Arbeiten, eine Zeitreise femininer Porträts und Aktfotografien von 1984- 2014. Für unser Gespräch haben wir uns in seinem Studio in der Nähe vom Checkpoint Charlie verabredet. Wir rauchen beide nicht mehr, trinken einen Kaffee und reden darüber, ob es kokettierend ist von der Tristesse des Ostens zu sprechen, oder ob es einen wirklich bedrückt hat, von Fluchtgedanken, bleibender Realität und warum die besten Fotos oft in Momenten der Pause entstehen.

Wann und warum hast Du angefangen zu fotografieren?
Mit vierzehn. Mein Vater hat mir einen Fotoapparat geschenkt. Er hat selber damals sehr gute Fotos gemacht. Wir hatten Zuhause eine Dunkelkammer im Badezimmer und er hat mir alles beigebracht. Ich habe dann einfach weitergemacht.

Schon zu DDR- Zeiten hast Du begonnen zu fotografieren, welche Themen haben Dich interessiert?
Als ich das Fotografieren für mich entdeckt habe, habe ich alles fotografiert, die Familie, Fassaden, Menschen. Ich bin einfach durch die Stadt gelaufen und habe fotografiert. Dann habe ich mich an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig für den Studiengang Fotografie beworben. Nach drei Anläufen hat es dann 1987 geklappt.

Hattest Du in der DDR den Eindruck ästhetisch von Tristesse umgeben zu sein oder wirkt es nur im Nachhinein so?
Ja, absolut. Ich habe unter der Tristesse gelitten, unter der Hässlichkeit der privaten Wohnungen oder von öffentlichen Gebäuden. Ich wollte weg aus der DDR, bin aber nie gegangen. Wir haben uns damals mit Fluchtmöglichkeiten beschäftigt. Ich hatte Freunde, die Ausreiseanträge gestellt haben. Ich selber hatte auch einen gestellt, ihn aber nach Diskussionen mit meinem Vater wieder zurück gezogen. Mir ging es auch nicht so schlecht. Ab 1985 habe ich schon für Das Magazin als Fotograf und Bildredakteur gearbeitet.

Wie bist Du zur Akt-Fotografie gekommen?
Angefangen hat alles mit meiner ersten Freundin, die ich immer fotografiert habe und dabei sind dann auch Akt-Fotos entstanden. Dann kam eine neue Freundin und so weiter. Brigitte Voigt die damalige Bildchefin vom „Magazin“ fand die Bilder toll und sie wurden veröffentlicht. Ich war ein Quereinsteiger.

waitamo.de

photo © alexander stingl

Was bedeutet Ästhetik für Dich?
Harmonie und Reduktion.

Geht es in Deinen Arbeiten darum, die Schönheit der einzelnen Frau zu fokussieren?
Es geht mir schon um die einzelne Frau und nicht um Schönheit im Allgemeinen. Ich möchte die Frau porträtieren. Der Akt ist eine Form des Porträts, es geht um den ganzen Mensch.

Warum fotografierst Du Frauen?
Weil ich ein Mann bin. Frauen sind spannender und fremder. Ich finde sie interessanter, sensibler und viel einfühlsamer für andere Themen. Viele meiner besten Gespräche habe ich mit Frauen. Ich bin auch sehr intensiv mit Frauen aufgewachsen, mit meinen zwei Schwestern und meiner Mutter, die Zuhause war. Mein Vater war immer unterwegs. Ich hatte von Anfang an eine natürliche Beziehung zu Frauen und habe heute viel mehr weibliche als männliche Freunde.

Verändert sich die Art, einen Akt zu inszenieren mit der jahrelangen Erfahrung?
Eigentlich wenig. Natürlich gab es nach der Wende die Möglichkeit mit Studiolicht zu arbeiten, vorher habe ich fast nur mit Tageslicht gearbeitet.

waitamo.de

photo © alexander stingl

In welchem Genre bist Du heute zuhause?
Porträts und People.

Warum sind die meisten deiner Porträts schwarz/weiß?
Da haben wir wieder das Thema der Ästhetik. Es geht um Reduktion. Aber klar muss man sich heute bei der Digitalfotografie nicht mehr entscheiden, ob man einen schwarz/weiß oder Farbfilm einlegt.

waitamo.de

photo © alexander stingl

Was waren Deine Jugendträume?
Die große Sehnsucht nach dem Reisen war da. Ich wollte die Welt sehen. Das hat sich ja durch meinen Beruf erfüllt. Schreiben hat mich damals auch sehr interessiert. Der beste Job ist sowieso der des Schriftstellers.

Wo warst Du als die Mauer fiel?
Am Abend des 9. Novembers 1989 war ich zum Geburtstag bei einem Maler in Weißensee eingeladen. Als wir die Rede von Günter Schabowski in den Tagesthemen sahen, löste sich die Party sofort auf. Ich wollte ein Taxi bestellen und sagte: „Zum Checkpoint Charlie, bitte.“ Wenn du vorher in Ostberlin ein Taxi zum Checkpoint Charlie bestellt hättest, wärst du ins Gefängnis gegangen. An dem Abend war an der anderen Telefonleitung ein Lachen zu hören und der Satz: „Dann versuchen wir das mal.“ Als wir am Checkpoint ankamen wurde auch wirklich ein paar Minuten später die Grenze geöffnet. Wir sind nach Westberlin gelaufen und haben eine phantastische Nacht erlebt. Ich habe es später nur bereut, dass ich keinen Fotoapparat dabei gehabt hatte. Da erlebt man Weltgeschichte und hat seine Kamera nicht dabei. Ich habe dann früh um fünf meinen Vater vom Savignyplatz aus angerufen. Mein Vater war der Chefarchitekt von Ostberlin. Er ging ans Telefon mit den Worten: „Was ist passiert?“ Er hatte den Mauerfall verschlafen. Ich sagte zu ihm: „Rate mal, wo ich bin, am Savignyplatz.“ Das ist ihm klar geworden, was passiert ist. Er hat sich hingesetzt und geweint.

Reist Du heute soviel, weil es zu DDR-Zeiten nicht möglich war?
Ich bin schon zu DDR-Zeiten viel gereist, überall dahin, wo es ging. Ich habe alle Ost-Block Länder gesehen. Die Lust am Reisen war schon immer da.

Wo würdest Du gerne leben?
In Havanna. Vor zehn Jahren war ich das letzte Mal dort. Ich bin ein Hemingway Fan und war natürlich auf seinen Spuren unterwegs in seinen Lieblingsbars wie „La Bodeguita del Medio“ und „El Floridita“. Ich habe auch seinen ehemaligen Skipper Gregorio Fuentes kennen gelernt, der damals schon 102 Jahre alt war und natürlich das Fischerdorf Cojimar besucht. Mit sechzehn Jahren habe ich Hemingway für mich entdeckt und Havanna durch die Schwärmereien meines Vaters, der 1974 dort auf einem Architekten-Kongress gewesen war. Das hatte sich bei mir festgesetzt.

Warum heißt Dein Bildband einfach und simpel „Women“?
Es ist ein Buch über Frauen geworden, Frauen vor und nach der Wende. Die Fotografien, Porträts, Akt und auch Mode sind in dem Zeitraum von 1984- 2014 entstanden. Ich fand es schwer dafür einen Titel zu finden, „Women“ umfasst es.

waitamobytanjanedwig #alexanderstingl #women

photo © alexander stingl

Ist die Ausstrahlung in den Gesichtern und in der Körpersprache damals anders als heute oder liegt es an der veränderten Art zu fotografieren?
Ich bin heute experimentierfreudiger. Damals war ich sehr brav, fast bourgeois. Ich mag sehr die Verbindung von Akt- und Porträtfotografie ohne viel drumherum, als eine klare Reduktion auf die Frau und ihren Körper. Das ist so geblieben. Bei mir geht es um eine natürliche Bildsprache, manchmal mit ironischen Einflüssen.

Über welchen Typ Frau erzählen die Fotografien in dem Bildband „Women“?
Es sind eigenwillige Frauen, die ihr Leben selbst bestimmen wollen, sehr kreative Frauen. Jetzt im Nachhinein, es handelt sich ja um Arbeiten aus über dreißig Jahren, kann ich sagen, dass es sehr zeitlose Frauen sind.

Hast Du Deine Modelle per Zufall angesprochen oder waren es geplante Suchen?
Nein, das war nie geplant. Ich habe auch nicht gesucht. Wenn ich eine Frau zufällig gesehen habe, die mich inspiriert hat, dann habe ich spontan reagiert.

Sind Deine Arbeiten aus einer beobachtenden Position entstanden?
Ich will die Frau sehen, wie sie ist. Ich greife nicht viel ein, natürlich gebe ich Anweisungen unter ästhetischen oder bildsprachlichen Gesichtspunkten. Oft, wenn ich mich beim Shooting umgedreht habe, um eine neue Kamera zu nehmen, in der kleinen Pause, nahmen die Modelle eine natürliche Haltung ein und ich sagte: „Bleib so.“

waitamo.de

photo © alexander stingl

Wie viel Eigeninszenierungen der Frauen spricht aus Deinen Arbeiten?
Bei den aktuelleren Arbeiten habe ich viel mit Tänzerinnen gearbeitet, die natürlich einen ganz andere Körpersprache haben, sehr experimentierfreudig und offen für Nacktheit sind. Die Arbeit mit den Tänzerinnen hat bei mir zum Beispiel das Gefühl von Wiederholungen aufgebrochen.

Oft sind die Modelle nicht „ganz nackt“. Was bedeutet Phantasie?
Das ist kein bewusstes Herangehen. Ich finde es immer schön, wenn man Raum lässt, der für mich aber auch da ist, wenn eine Frau ganz nackt ist.

Welche Veränderungen an Berlin findest du wunderbar?
Dass Berlin eine offene, freie, multikulturelle, internationale Metropole geworden ist. Wenn man miterlebt hat, wie sich die Stadt verändert hat, ist das etwas sehr Großartiges. In Ostberlin hatte man sich teilweise für die Stadt geschämt und jetzt ist es toll, dass man hier wohnt. Für mich ist Berlin die tollste Stadt der Welt, neben Havanna. Havanna ist mehr ein Traum.

Nimmst Du Dir für ein Foto genauso viel Zeit wie früher?
Ja.

Was ist ein schöner Moment für Dich?
Wenn ich in einem Berliner Café sitze, einen Latte Macchiato trinke, aus dem Fenster sehe und loslassen kann für ein paar Minuten. Es gibt ja wenig Momente, wo man nur für sich ist, Zuschauer sein kann und sich dessen bewusst ist, dass es ein schöner Moment ist.

WOMEN
BOOK RELEASE PARTY
Donnerstag, 9. Oktober 2014, 20.00
Bar Babette, Karl-Marx-Allee 36, 10178 Berlin-Mitte

www.alexanderstingl.com

 

waitamo.de

photo © alexander stingl

 

 

1 Comments on “A MOMENT WITH: ALEXANDER STINGL

  • damals und heute schöne fotos – gutes interview – interessanter fotograf! mich hatte er leider nie getroffen,,,

    Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.