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MEINE RUH IST HIN MEIN HERZ IST SCHWER: „NEVER FOREVER“ AN DER SCHAUBÜHNE

MEINE RUH IST HIN MEIN HERZ IST SCHWER: „NEVER FOREVER“ AN DER SCHAUBÜHNE

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Die Weihnachtsbeleuchtung macht den Kudamm zu etwas Besonderem und Lust, in die Wintergärten mit Fenstern so groß wie Einbauküchen zu schauen. Die Frau an der Abendkasse erinnert sich an unseren Anruf, als wir die bestellten Karten eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn abholen.

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Es ist Samstagabend und „Never Forever“ von Falk Richter ausverkauft. Es geht um das Hier und Jetzt. Auf der Bühne Metall-Einraum-Zellen mit offenen Wänden, einsichtbar für die Anderen durch die Informationen, die wir von uns streuen.
Eine Psychologin (Jule Böwe) berichtet über eine Patientin, von dem Phänomen unfassbarer Energie, die im Körper gefangen ist und raus will. Von der Irritation, wenn einem jemand gegenüber sitzt, den man nicht blockieren oder löschen kann, Gesagtes nicht umformulierbar oder ausschneidbar ist.
Eine ältere Dame (Ilse Ritter) ruft in den Telefonhörer nach Hilfe, ein Systemfehler liegt vor, nachdem sie all ihre Kontakte und Fotos aus Adressbüchern und Kartons in den Computer übertragen habe. Nun sind sie weg. Verlust der Erinnerungen, die man Festplatten und Clouds anvertraut und dabei übersehen hat, dass es nicht mehr in der eigenen Hand liegt, wann man über die Seiten eines erhaltenen Briefes aus der Jugend streift, sondern an der Signalübertragung irgendwelcher Dateien. Oder wie bei einer anderen Figur in der Macht des Ex-Partners, der sich als Vergeltungs-Reinkarnation dazu entschlossen hat, neben dem eigenen Kind auch die Festplatte zu entziehen.

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ilse ritter, photo © arno declair

Menschen, die miteinander, aneinander vorbei kommunizieren: „Es ist so schön deine Stimme zu hören.“, wird sich gewünscht. „Freiheit ist ein Beziehungsort.“ Ilse Ritter als ehemalige Schauspielerin im Altersheim, an vergangenen großen Rollen festhaltend, dabei verpasst sie dement die Gegenwart der Tochter. Datenverlust, genauso wie der von Beziehungen zu Menschen, die man einst liebte oder großzog.

Es wird sich erprobt auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal, bei der Online-Sexpartner Suche oder der dritten Oktave für die optionale Casting-Show. Arbeiten, chaten, posten, hochladen, downloaden. Keine Ahnung, ob es das Google Analytics Department ist, das sich da fragt, warum Sie sich mitten in der Nacht einen Kaffee macht, um ihn dann nicht zu trinken. Und das jede Nacht. Warum Sie sich auf youtube Filme von jungen Männern, die gedemütigt werden, anschaut. Wer der fünf Männer, die Ihr Haus betreten, der Vater Ihres Sohnes ist. Was Sie fühlt, wenn Sie einen Moment nur mit sich zubringt. „Diese angespannte Stille, wenn Sie allein auf dem Bett mit Ihrem Laptop sitzt….Es scheint alles in Ordnung, das Lächeln, die Fröhlichkeit, das stimmt doch nicht, das ist gespielt.“

Hin- und Hergerissen sein, von der Lust jemanden zu spüren und würgender Verlustangst. Anziehen und Wegstoßen, 1 und 0, Signale, die man lieber nicht zu ernst nimmt. Schlaflosigkeit, Bilderflut, die vor Träumen nicht Halt macht. Alles ist möglich, für alle, nichts für mich. Der Vergleich, der permanent vorhanden ist: „Verlass mich nicht! Wo bist du? Nie erfülle ich die Anforderungen. Da ist noch mehr möglich! Wo bist du? Ich hasse dich! Verlass mich nicht!“ Die Musik, schnelle Herzschlag Beats, Tanz der Körper bis zur Erschöpfung. Rückzug mit schwarzen Kapuzen-Jacken.

waitamobytanjanedwig_never_forever-_Kay Bartholomäus Schulze

kay bartholomäus schulze, photo © arno declair

Ein Professor (Kay Bartholomäus Schulze), der die Trennung übt: „…wenn man Nähe nicht mehr aushalten kann, weil sie Struktur auflöst…“ und gleichzeitig daran verzweifelt, dass die Studenten das Zuhören verlernt haben, dass es Hin-, Her- und Ableitungen geben kann, Sätze in denen nichts passiert, was prüfungsrelevant ist und abgespeichert werden muss. Immer wieder die Frage: „Wo bist du? Wo bist du? Wo bist du?“, die impliziert, dass man sich selber verloren hat. Das fehlende Korrektiv. „Nie genüge ich.“ Aggression und Erschöpfung, schwarze Ledersofas und minimalistische Wollpullover, bis die Psychologin im grünen Kleid und pinkfarbenen Pumps einen richtigen Kuss fordert: „Ich kann mir nicht immer allein sagen, wie schön und sexy ich bin.“
Großartig der Wiedererkennungswert, dass wir oft Treffen & Wiedersehen absagen mit der Entschuldigung „so busy zu sein“, in letzter Minute via Chat, die Augen schmerzen, „…alle können nicht mehr, nicht mehr küssen, deine Lippen sind kalt.“

Der Gretchen Monolog der Grande Dame Ilse Ritter auf die Frage: „Was bleibt?“ Sie erinnert sich an den Abschied von ihrem Liebhaber. Das letzte Gespräch am Telefon, das auch keins war. Also geht es um die echten Berührungen, den  Blick, der einen meint und wie sie so schön sagt: „Das man sie aushält die Stille an einem kalten Dezemberabend.“

NEVER FOREVER
Text & Regie: Falk Richter/ Choreographie: Nir de Volff/ TOTAL BRUTAL
Mit: Florian Bilbao, Jule Böwe, Katharina Maschenka Horn, Johanna Lemke, Ilse Ritter, Chris Scherer, Kay Bartholomäus Schulze, Tilman Strauß
Nächste Vorstellungen: 25. Januar, 17.00/ 26. Januar 2015, 20.00
SCHAUBÜHNE AM LEHNINER PLATZ
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin-Charlottenburg
www.schaubuehne.de

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