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A MOMENT WITH: SUSANNE SCHIRDEWAHN

A MOMENT WITH: SUSANNE SCHIRDEWAHN

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Susanne Schirdewahn ist Bildende Künstlerin und Autorin. Mal sei das Bild zuerst da, gefolgt vom Text oder umgekehrt. Sie mag keine Festlegungen und ist versucht, prinzipiell mehr Fragen zu stellen, als Antworten zu geben. Als Autorin schreibt sie Kolumnen und Erzählungen u.a. für die Berliner Zeitung. Als Malerin beschäftigt sie sich mit Themen wie Flucht, Landschaften, dem Blick hinter das Sichtbare oder porträtiert andere Künstler. Ich persönlich mag ihre Landschaftsmalerien aus der Serie „Escape-Landscape“ sehr. Susanne Schirdewahn ist versucht, sich und ihre Arbeit für nicht geplante Momente offen zu halten, so erzählt sie: „Der Charme von Allem ist der bewusste Zufall.“

waitamobytanjanedwig_artberlinIhr Atelier liegt am Bersarinplatz an dem Karree, wo die Straßenbahn in Richtung Friedrichshain im Kreis zu fahren scheint. Susanne Schirdewahn wurde in Berlin geboren und ist in München aufgewachsen. Als ich sie an einem Freitag-Morgen besuche, ist gerade ihr Bruder Jochen Winter, ein Lyriker und Essayist aus Paris, zu Gast. Er erzählt bei einer Tasse Kaffee, dass man als Lyriker jenseits des Stromes schwimme. Er persönlich bedauere den Verlust lebensspendender Verbindung zwischen den Menschen, der Natur und dem Göttlichen und damit dem Verschwinden der Lebensgrundlage. Er mag Beckett, die literarische Reduktion.

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Jochen Winter & Susanne Schirdewahn

Jochen Winter ist dreizehn Jahre älter als seine Schwester. Die beiden haben ein herzliches Verhältnis. Früher hat er u.a. als Schauspieler für George Tabori gespielt und somit auch seine Schwester beeinflusst, das Interesse in ihr geweckt, Geschichten zu erzählen und die Frage zu zulassen, woher man diese holt.
Ich finde es angenehm, am frühen Morgen zwischen Leinwänden, Pinseln und Farben über so schöne Dinge wie Kunst und Inspirationen zu sprechen, völlig aus der Zeit genommen. Als sich Jochen Winter verabschiedet hat, die Termine sind eng gelegt bei einer Berliner Stippvisite, unterhalte ich mich mit Susanne Schirdewahn über ihre Malerei, den Begriff Hoffnung, die Sicht der Dinge auf die Kunst, wenn die eigenen Kinder älter werden und Berlin als Stadt für Künstler, jenseits des gerade Angekommenseins.

An welchem Projekt arbeitest Du aktuell?
Ich bereite eine Ausstellung zu dem Thema „die Welt als Bühne“ vor. Dabei geht es mir auch um die Anfänge der Malerei, quasi als ein „Zurück in die Höhle“: wie schaffe ich es, heutige komplexe Bildthemen in die Mythen- und Sagenwelt zu übertragen und umgekehrt. Klingt ungenau, was vielleicht auch daran liegt, dass ich noch mitten im Prozess bin.

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Du hast ursprünglich Theater-Regie studiert, interessierst Du dich immer noch für das Theater?
Ja, schon. Auch wegen der Unmittelbarkeit, die mir manchmal in der Kunst fehlt. Ich finde es schön, wenn eine Kommunikation angestrebt wird, ein aktiver Raum zwischen Kunstwerk und Betrachter entsteht.

Du interviewst oft andere Künstler und porträtierst sie dabei. Wie ist es, sich anderen Künstlern beobachtend zu nähern?
Sehr inspirierend. Ich war viel bei Malerkollegen in den Ateliers und interessiere mich dafür, wie andere über ihre Arbeit denken. Im Endeffekt geht jeder anders damit um. Es ist gut zu sehen, dass wir alle mehr oder weniger auf der Suche sind. Und jeder findet etwas ganz anderes. Allein die Tatsache überhaupt Bilder zu malen- es gab ja schon alles- und es dennoch zu versuchen, ist bemerkenswert. Kunst macht ja keinen offensichtlichen Sinn. Trotzdem tun es erwachsene Männer, erschaffen etwas, was eigentlich keiner braucht. Kunst ist etwas, was mehr ist und ein Eigenleben führt, wie ein Mitbewohner.

Was ist das Besondere an diesen Momentaufnahmen?
Im Alltag ist man eigentlich selten im Jetzt und Hier. Wir versuchen ständig Zukunftspläne zu schmieden und aus der Vergangenheit zu leben. Aber beim Malen bin ich ganz im Moment und denke, wenn ich den Pinsel führe: Und jetzt und jetzt und jetzt. Djuna Barnes schrieb einmal: Ein Bild ist die Rast des Geistes zwischen zwei Ungewissheiten. Wenn man sich darauf einlässt, kann das sehr sinnlich sein. Fast wie beim Sex, gutem Sex.

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Für welche Kunstform würdest Du Dich final entscheiden?
Die Malerei. Mit drei habe ich schon angefangen zu malen und werde es wahrscheinlich immer tun. Mich hat beeindruckt, wie zum Beispiel Alexej von Jawlensky den Pinsel am Ende wegen seiner Gicht mit zwei Händen gehalten und ein Portrait nach dem anderen geschaffen hat, um auch durch das Handikap immer einfacher, aber auch dunkler zu werden. Wie ein letztes Aufbegehren gegen die Endlichkeit.

Deine Malerei zu dem Thema „Escape-Landscape“ sagst Du, ist ein nie endendes Projekt. Befindest Du Dich auf der Flucht?
Eine Flucht in etwas, nicht eine Flucht von etwas weg. Malerei ist für mich eine Form von Heimat. Mein Vater war ein Flüchtlingskind aus Breslau. Vielleicht liegt es daran, dass Traumata vererbbar sein können. Vielleicht kommt auch daher das Getriebensein, die Sehnsucht nach einem Ankommen. Heute ist es unpopulär zu suchen. Man soll Ergebnisfinder sein, obwohl es in unserer doch sehr komplexen, widersprüchlichen Zeit immer schwerer geworden ist, Sicherheiten zu schaffen. Die Malerei hilft mir, etwas zu begreifen und dadurch entstehen auch neue Fragen. Elemente sind ständig in Veränderung und die Malerei ist ein gutes Mittel, die Füße auf dem Boden zu halten. Das letzte Bild ist nicht zu Ende gemalt, es ist eine Skizze, alles ist möglich, lässt Raum für das Unfertige.

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Ausschnitt Bild 2 aus der Serie „Escape-Landscape“

„Wild child“, „coming soon“, „this is not the end“ sind Zitate auf Deinen Arbeiten. Wie wichtig ist Hoffnung?
Hoffnung ist ein wichtiger und schönerer Begriff als Erwartung. Hoffnung ist wertfrei und daher ein guter Motor.

Ändert sich der Drang nach individueller Kreativität, wenn man die eigenen Kinder aufwachsen sieht?
Bei mir hatte es etwas mit Mut zu tun. Es hat lange gedauert, bis ich gesagt habe: Ich bin Künstlerin. Das ist, wenn man aus einer bodenständigen Familie kommt- mein Vater war Jurist- schwer. Die Geburt meines ersten Kindes war auch für mein künstlerisches Selbstverständnis ein Wendepunkt. Denn: Alle Menschen fangen gleich an, es ist ein wertfreier, sehr kreativer Beginn voller Neugier und Wagemut. Viele Künstler, allen voran Picasso, haben erkannt, dass es gilt das Kindsein in der Kunst zu pflegen. Frechheit siegt. Vielleicht war das meine beste Entscheidung bisher. Viele Frauen hören auf Künstlerin zu sein, wenn sie Mutter geworden sind. Dabei haben Kinder und Kunst den Zufall und die Unplanbarkeit gemeinsam. Man kann es nicht programmieren, obwohl es ja jetzt mit dem Social Freezing versucht wird. Dabei sind Kinder die beste Schule: aus dem größten Chaos schlussendlich doch etwas sehr Sinnstiftendes zu schöpfen. Oder es zumindest zu versuchen. Scheitern wird bei uns leider oft negativ bewertet. Dabei bedeutet scheitern ja eigentlich eine Chance, etwas anders zu machen. Dynamisch zu bleiben. Sicherheit und Ergebnisse machen den künstlerischen Impuls tot. Männer haben da meist eine andere Selbstverständlichkeit. Da ist Kunst oft ein Beruf mit den entsprechenden Erfolgschancen.

Hast Du feste Arbeitszeiten?
Ja und darüber hinaus ist vieles möglich. Ich habe keinen Betriebsschluss und arbeite oft zuhause weiter.

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Warum bist Du von München wieder nach Berlin zurückgekehrt?
In München habe ich mich nie zuhause gefühlt und in Berlin ja. Einmal als junges Mädchen habe ich mich nach der Berlinale auf dem Fahrrad in Berlin verirrt und trotzdem wohl gefühlt in den fremden Straßen. Mit zwanzig habe ich mir dann hier ein Zimmer genommen, Theater-Regie studiert, verschiedene Hospitanzen gemacht, erlebt wie man auf professionelle Art Geschichten erzählen kann. Heute profitiere ich von dieser Bandbreite, auch nach links und rechts zu schauen.
 
Ist Berlin ein guter Ort für Künstler, die den Twenties entwachsen sind?
Ja was die Inspirationsquellen und Reibungsflächen betrifft. Wenn es ums Verkaufen geht, jammern alle. Aber nach Berlin kommen Investoren und die investieren auch in die Kunst. Es ist eine Frage der Kunstvermittlung. Das Berliner Billigdenken muss noch verschwinden.
 
Welche Alternativen gibt es zu Berlin?
Keine. Aber mein heimlicher Wunsch ist es auch, für ein Jahr nach New York zu gehen. Ich glaube da ist die Gleichzeitigkeit der Bilder extrem. Wenn Du auf dem Time Square stehst, bist du in einer Collage drin. Aber ich will immer wieder nach Berlin zurück.

Was ist ein glücklicher Moment für Dich?
In jedem großen Glück steckt ein bisschen Unglück, ab dem Moment, wo man erkennt, dass das Glück auch wieder aufhören kann. Dann ist es aber auch am größten.

Merci, Susanne!

www.susanne-schirdewahn.de

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3 Comments on “A MOMENT WITH: SUSANNE SCHIRDEWAHN

  • Liebe Tanja,

    wie schön, unsere Begegnung vor genau einer Woche in Deinem Text und Deinen Fotos widergespiegelt zu sehen und noch einmal die Atmosphäre nachzuempfinden, die durch Deine Gegenwart in Susannes Atelier entstanden ist. Es war wohltuend, mit Dir, der Wachen und Empfänglichen, zu sprechen und die Dinge, die uns am Herzen liegen, wenigstens kurz zu streifen. So werden mir diese geteilten Augenblicke in bester Erinnerung bleiben …

    Sei herzlich bedankt und gegrüßt, auf bald wieder in Berlin:

    Jochen

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    • Lieber Jochen, wie schön von Dir geschrieben, vielen Dank für Deine Worte, es war wirklich ein interessanter Morgen mit Euch, herzliche Grüße nach Paris, tanja

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