MOMENTE AUS KUNST, FOTOGRAFIE, MODE, BERLIN & ANDERSWO

A MOMENT WITH: MARKUS HENTTONEN

A MOMENT WITH: MARKUS HENTTONEN

posted in Allgemein, MOMENTS WITH on by with 1 Reply

Seitdem der Fotograf Markus Henttonen viel unterwegs ist, er arbeitet in New York, Los Angeles oder Berlin, wo er zur Zeit auch wohnt, sieht er seine Heimat Finnland wieder mit anderen Augen. Auf Reisen zu sein, neue Länder zu sehen, gehört zu seinen wichtigsten Inspirationen. Er mag das Gefühl, einen Ort nicht genau zu kennen, gerade die ersten Tage seien die wichtigsten, wenn er alles mit frischem Blick sehen würde, erzählt er mir bei unserem Treffen in einem Café am Boxhagener Platz. Es ist früh am Morgen, wir sind die einzigen Gäste, Amy Winehouse singt „You Know I´m No Good“ und Sonnentrahlen des warmen Dezembers fallen durch die großen Fenster.

Markus Henttonen lässt in seinen Arbeiten bewusst Raum für individuelle Assoziationen, die aus Erfahrungen, Neugier oder Phantasie entstehen können. Er beobachtet Menschen in poetischer Inszenierung und ihren Einfluss auf die Umgebung und umgekehrt. Man könnte bei den Arbeiten von Markus Henttonen von einer Bildsprache unaufdringlicher Melancholie sprechen. Es scheint eine Frage der Zeit, wie weit man sich auf eine Reise einlassen möchte.
In seiner Serie „Silent Night“ hat er weihnachtlich beleuchtete Anwesen in und um Los Angeles fotografiert. Im Dezember 2011 war Markus Henttonen das erste Mal dort. Los Angeles ist für ihn keine gewöhnliche Stadt, so flach und weitläufig, mit der Natur, den Hügeln und dem Meer. Markus Henttonen und seine Frau Mari, mit der er seine Projekte oft gemeinsam umsetzt, waren beeindruckt von den beleuchteten Häusern in der stillen Dunkelheit. Wir unterhalten uns über die Kontraste von Licht und Schatten, was Fassaden erzählen können, der Bedeutung von einem Autolicht auf einer verlassenen Straße und wie er in Finnland Weihnachten feiert.

waitamobytanjanedwig_markushenttonen_silentnight

aus der serie silent night, photo © markus henttonen

Wie bist Du auf die Idee gekommen, die Serie „Silent Night“ zu machen?
Die Lichter und die Dekorationen in Los Angeles waren beeindruckend. In Finnland gibt es das so nicht. Ich habe sofort begonnen, anfänglich unter dokumentarischem Aspekt, die Häuser zu fotografieren. Dann habe ich schnell gemerkt, dass irgendetwas in diesen ruhigen Straßen nicht stimmte. Alles sah perfekt aus, aber das Gefühl war bedrohlich. Es schien, als ob es unsichtbare Barrieren gab, die man nicht überwinden kann. Schilder von „bewaffneter Gegenwehr“ waren mitten in den Dekorationen. Wir standen oft lange wegen der Belichtungszeit vor den Anwesen und da kamen Fragen auf, wie: Warum fühlt sich die Dunkelheit hier beängstigend an und wo sind wir überhaupt in Sicherheit? Ab dem Punkt waren wir nicht mehr wirklich an der Weihnachtsdekoration interessiert, sondern auf der Suche nach Häusern mit verschiedenen Charakteren. Die Beleuchtung ist der Rahmen, um die Geschichte zu halten, sie macht die Kontraste größer. Weihnachten ist ein Fest, zudem man eingeladen wird und zur gleichen Zeit, kann man erschossen werden, wenn man ein Grundstück betritt. Das ist eine Diskrepanz.

Es sind keine Menschen zu sehen. Sind sie in den Häusern oder auf den Weg nach Hause?
Genau das habe ich mich auch gefragt: Wo sind sie alle? Es fühlte sich auf den Wegen vor den Häusern so dunkel und leer an, als ob die Menschen verschwunden wären. Die leeren Straßen wirkten sonderbar, weil die Weihnachtszeit normalerweise eine Zeit des Miteinanderseins ist. Manchmal haben welche herausgeguckt und wir fühlten uns wie eine Zielscheibe. An den Fotos erkennt man das nicht unmittelbar, sie lassen Raum für eigene Geschichten und Assoziationen.

waitamobytanjanedwig_markushenttonen_silentnight

aus der serie silent night, photo © markus henttonen

Inwieweit können Lichterketten über äußerlichen Verfall hinwegtäuschen?
Mit der Beleuchtung will man sein Haus zeigen, aber gleichzeitig wird es mit den Schildern der Gegenwehr abgegrenzt. Wenn es draußen hell ist, ist es drinnen vielleicht sehr dunkel. Das ist es, was ich mit der Serie zeigen will. Häuser sind wie Spiegel der Gesellschaft und können von vielen Themen erzählen, z.B. von häuslicher Gewalt in Finnland, der Waffenkultur in den USA, Einsamkeit. Die Geschichten und Interpretationen sind für mich nicht unbedingt mit Weihnachten verbunden. Wir hatten jede Nacht viel Zeit darüber nachzudenken. Verschiedene Häuser stehen für verschiedene Erlebnisse.

Und was könnten sie über den inneren Zustand erzählen?
Beides ist miteinander verbunden. Es gibt die leuchtende Oberfläche, die man gern zeigt, die man anschauen kann, aber weiter darf nicht nachgefragt werden.

waitamobytanjanedwig:markushenttonen_silentnight

aus der serie silent night, photo © markus henttonen

Warum hast Du ausschließlich nachts fotografiert?
Um Unterschiede zu zeigen. Es war sehr dunkel und die Häuser stachen aus der Umgebung heraus. Es war faszinierend, wie sich diese Dunkelheit anfühlt, unheimlich und bedrohlich.

Geht es bei der Beleuchtung darum, Besitz und Status zu repräsentieren?
Ich denke schon. Da gibt es Wettkämpfe zwischen den Nachbarn. Manche buchen sogar Designer, um jedes Jahr etwas Neues zu zeigen. Alle sollen hinschauen. Es ist dort Tradition, mit dem Auto herumzufahren und sich die verschiedenen Dekorationen anzuschauen. Aber mich haben nicht die größten und hellsten Häuser interessiert, sondern die normalen Wohnorte, Häuser der Mittelschicht.

Können weihnachtliche Lichterketten über Einsamkeit hinwegtäuschen?
Wenn du der Welt draußen mitteilen möchtest, dass alles in Ordnung ist, dann ja. Je leuchtender und schimmernder die Oberfläche ist, um so dunkler, kann es meiner Meinung nach, im Inneren ausssehen. Auch in Finnland gibt es zu Weihnachten die größten Tragödien. Aber natürlich glaube ich, das Lichterketten und Dekoration auch Trost und Vergnügen bringen, zu einer Zeit die auch einsam sein kann. Ich bin nicht gegen Weihnachtsdekoration im Allgemeinen.  Für meine Serie war die Beleuchtung essentiell, um den Kontrast zwischen Licht und Schatten zu zeigen.

Ist Licht auch ein Symbol von Hoffnung?
Ja das kann gut sein. Das ist ein guter Punkt. Die Häuser, die ich ausgewählt habe, haben eine moderate Beleuchtung, so dass auf den Bildern eine Menge Dunkelheit existent ist und somit auch Hoffnung. Das ist eine Interpretation, neben vielen Möglichen. Aber ich denke, Licht steht in meinen Arbeiten oft als ein Symbol der Hoffnung. Viele meiner Arbeiten sind melancholisch. Es gibt meist etwas Bedrohlichliches aber nicht ausschließlich. In meiner Serie „Twisted Tales- Road to Hope“ ist es zum Beispiel eine Straße mit Gewitter und einem Autolicht.

waitamobytanjanedwig_markushenttonen_twistedtales

aus der serie twisted tales- road to hope, photo © markus henttonen

Die Perspektive zum Himmel nimmt viel Platz in den Arbeiten dieser Serie ein. Ist das der Ort unter dem wir dann doch gleich sind, final?
Unter diesem Aspekt kann der Himmel wichtig sein. Ich wollte die Häuser als Individuen in ihrer Umgebung zeigen. Darum gibt es viel Himmel, aber auch Natur, wie Palmenbäume. Die einzelnen Elemente sind sehr wichtig. Es sind meine Hinweise für die Betrachter, ihre eigenen Geschichten zu finden. Aber ich habe nicht zuviel darüber nachgedacht. Ich mag die Idee von der idealen Welt, dass wir alle gleich sind.

Die Häuser erinnern mich an kleine Inseln im Meer. Wie sicher sind sie?
Über Fragen von Sicherheit habe ich viel nachgedacht. Zuerst wollte ich mir eine Fotogenehmigung holen. Zu dem Zeitpunkt war in diesem Bundesstaat ein junger Mann erschossen worden, weil ihn sein Auto-Navi in die falsche Einfahrt gelotst hat. Oder ein schwarzer Teenager mit Kapuzenjacke wurde von der Nachbarschaftswache erschossen. Das waren die Themen in den Nachrichten, die mich auch beeinflusst haben. Natürlich konnte ich mit meiner Wollmütze, Kamera und Stativ auch für Andere in der Dunkelheit eine Bedrohung darstellen.

Was bedeutet Dir Weihnachten?
Es ist die Zeit, die man mit den Menschen verbringt, die einem am Nähesten stehen. Es ist die Zeit für eine Pause und um zu schätzen, was am Wichtigsten im Leben ist, die Familie und das Zusammensein. Außerdem ist es die Zeit, um Dinge langsamer anzugehen.

waitamobytanjanedwig_markushenttonenHast Du einen Wunsch?
Ich hoffe, dass es weiße Weihnachten werden. Hoffentlich gibt es viel Schnee. Schnee zu Weihnachten habe ich seit Langem nicht gesehen, nicht in Los Angeles und nicht in Berlin. Ich werde in diesem Jahr nach Hause, nach Finnland fahren. Wir haben die Tradition, dass mein Vater mich und meinen Bruder am Weihnachtsmorgen früh um 6.00 weckt und mit uns Ski Langlauf fährt. Es ist ein tolles Gefühl bei Minus 20 Grad durch den Wald bei sternenklarem Himmel zu fahren. Danach gehen wir in die Sauna.

Merci, Markus!

www.markushenttonen.com

1 Comments on “A MOMENT WITH: MARKUS HENTTONEN

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.