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SUNDAY IMPRESSION

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„Es war zu spät, um die letzte Metro zu nehmen. Gleich nach dem Café ein Hotel, dessen Tür offenstand. Eine nackte Glühbirne erleuchtete eine steile Treppe mit schwarzen Holzstufen. Der Nachtportier hat nicht einmal nach unseren Namen gefragt. Er hat uns bloß eine Zimmernummer im ersten Stock genannt. „Von jetzt an könnten wir vielleicht hier wohnen“, habe ich zu Louki gesagt. Ein schmales Bett, aber es reichte für uns. Weder Vorhänge noch Läden an Fenstern. Wir haben es halb offengelassen, wegen der Hitze. Unten verstummte die Musik, und wir hörten lautes Gelächter. Sie flüsterte mir ins Ohr: „Du hattest recht. Wir sollten für immer hier bleiben.“
Ich dachte, wir seien fern von Paris, in einem Hafen am Mittelmeer. Jeden Morgen um die gleiche Zeit liefen wir den Weg hinunter zum Strand. Ich habe mir die Adresse des Hotels gemerkt: Rue du Grand Prieuré Nr. 2. Hotel Hivernia. Während all der trostlosen Jahre, die folgten, wurde ich manchmal nach meiner Adresse oder Telefonnummer gefragt: „Schreiben Sie mir einfach ins Hotel Hivernia, Rue du Grand Prieuré Nr. 2. Ich bekomme die Sachen nachgeschickt.“ Ich müsste einmal all diese Briefe abholen, die schon so lange auf mich warten und ohne Antwort geblieben sind. Du hattest recht, wir hätten für immer dort bleiben sollen.“

(Roland, In: Im Café der verlorenen Jugend, Patrick Modiano)

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