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VOM GLÜCK DER VERDRÄNGUNG: HERBSTSONATE AM DEUTSCHEN THEATER

VOM GLÜCK DER VERDRÄNGUNG: HERBSTSONATE AM DEUTSCHEN THEATER

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Als ich in der Zeitung die Ankündigung für die „Herbstsonate“  nach Ingmar Bergman am Deutschen Theater las, dachte ich sofort, da muss ich hin, schon weil Fritzi Haberlandt als Tocher und Corinna Harfouch als Mutter eine familiäre Frauen-Kombination explosiver Abhängigkeit versprach.

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Fritzi Haberlandt (Eva), Corinna Harfouch (Charlotte), photo © Bettina Stöß

Bis auf den letzten Platz ausverkauft, empfängt das Deutsche Theater als Ort mit Spiegeltüren, Wendeltreppen, Kronleuchterträumerei, rotem Samt auf Treppenstufen mit der unvermeidlichen Minimalität von Wahrscheinlichkeit, dass Wunder eventuell doch möglich sein könnten.

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Ingmar Bergman, der sich viel Zeit genommen hatte, die Beziehung zu seiner Mutter aufzuarbeiten, der unter dem Gedanken, schlimmer noch, der nicht verdrängbaren Gewissheit litt, nicht genug geliebt worden zu sein, hatte die Konkurrenz zum Vater, Bruder, der Schwester aus dem Blickwinkel eines Jungen selber nicht überwunden.

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In der „Herbstsonate“ (Regie Jan Bosse) stehen sich Mutter und Tochter gegenüber. Die Mutter Charlotte, Pianisten, die ihren künstlerischen Applaus, Konzert-Tourneen, Flucht und Zurückkommen zur Familie erlebte, trifft ihre Tochter Eva nach siebenjähriger Pause wieder. Eva, das optische Gegenteil der Mutter, lebt zurück gezogen in einem Pfarrhaus, in einer Scheinwelt begleitet von ihrem verunglückten Sohn und beobachtenden Mann, der sich dabei erinnert, dass sie auch glückliche Zeiten miteinander hatten.
Die Bühne ein Familienaus mit Etagen bis in den Himmel und einem Treppenportal ohne Zutritt auf festen Boden. So ist das nach Hause kommen ein Weg durch die Unsicherheit und wenn man es verlässt, ein Gang zurück ins Ungewisse: „Ich sehne mich immer nach Zuhause, wenn ich da ankomme, weiß ich, dass ich mich nach etwas Anderem sehne.“

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Corinna Harfouch (Charlotte), Natalia Belitski (Helena), Fritzi Haberlandt (Eva), photo © Bettina Stöß

Um so teuflischer die Erkenntnis, wenn Mutter und Tochter feststellen, dass sie voneinander abhängig sind in dem vordiktierten Karussell elterlicher Prägungen, fehlender Berührungen, die in ihrer Abstinenz an die eigenen Kinder weitergegeben werden oder manchmal in Übertreibungen des schlechten Gewissens erdrücken. Vorwürfe und Hoffnungen funktionieren, solange die Beteiligten mitmachen, keiner darf aussteigen. So stößt man sich weg und zieht sich wieder heran mit einem Stück Schweizer Schokolade, empfohlenem Kriminalroman oder im temporären Bündnis gegen den verdutzten Ehemann.
Schmeicheleien „liebste kleine Mama“ und Beschimpfungen. Gegensatz und Gleichheit der Frauen durch die Kostüme (Kathrin Plath) gezeichnet. Corinna Harfouch als Charlotte erscheint als Grande Dame im weißen Hosenanzug, während Tochter Eva (Fritzi Haberandt) in geschlossener Bluse und langem Rock, Keuschheut und Zurückgezogenheit spielt. Während der zwei Stunden wird sich nichts geschenkt an Vorwürfen, die Kinder ihr ganzes Leben lang mitziehen können. Verzeihen ist eine Kunst. Was hätte man denn sonst, das einem erklären könnte, warum man sich so Scheiße fühlt, es zu nichts gebracht hat.
Kurz dachte ich: „Ach nein, das ist mir zu viel, immer dieses Du bist Schuld, wegen Dir hatte ich eine Zahnspange, kurze Haare und Pickel im Gesicht, Du bist immer weggegangen, Du warst immer da, Du bist die Hölle für uns gewesen.“ „Das Unglück der Tochter ist der Triumph der Mutter.“ Wie man es macht, macht man es falsch. Bis zu dem Punkt wo Charlotte genau wie ihre Tochter im schwarzen Nachthemd in dem Chaos der Vergangenheit steht, der Konzertflügel bestimmt ihr Leben, die Schlaflosigkeit das schlechte Gewissen und zu ihrer Tochter sagt: „Ich wollte immer, dass du dich um mich kümmerst, ich wollte, dass du mich in die Arme nimmst und mich tröstest.“ Worauf die Tochter antwortet: „Ich war doch ein Kind.“
Am Ende der Vorstellung, langer Applaus. Am Anfang des Abends war ich davon ausgegangen, diesem Generations-Thema „Du bist Schuld“ längst entkommen zu sein, doch Mutter und Tochter, Corinna Harfouch und Fritz Haberlandt haben zusammen mit Natalia Belitski als Schwester Helena und Andreas Leupold als Ehemann das längst verdrängte Themen ohne Rücksicht auf Verluste hinauf gespielt. Ein Psychologe würde sagen, das ist „nur“ der Auslöser. Das da drunter war schon lange da. „Na toll.“, dachte ich zurück auf dem Weg nach Hause.

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HERBSTSONATE
nach dem Film von Ingmar Bergman
Regie: Jan Bosse/ Bühne: Moritz Müller/ Kostüme: Kathrin Plath
Mit: Corinna Harfouch, Fritzi Haberlandt, Natalia Belitski, Andreas Leupold
DEUTSCHES THEATER
Schumannstraße 13
10117 Berlin-Mitte
Nächste Vorstellungen: 2. und 3. Februar 2015, 19.30
www.deutschestheater.de

 (photos © WAIT A MO)

 

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