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LEE MILLER FOTOGRAFIEN: DIALEKTIK VON SCHÖNHEIT UND ZERSTÖRUNG

LEE MILLER FOTOGRAFIEN: DIALEKTIK VON SCHÖNHEIT UND ZERSTÖRUNG

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Man kann ein Leben im Nachhinein mit Fotografien nacherzählen, wie bei einem Tagebuch, Entscheidungen verfolgen, manche von ihnen wurden bewusst getroffen, andere von der Zeit, in die man geboren wurde. Lee Miller, ein New Yorker Fotomodel, die wie es der Mythos beschreibt, Ende der 1920er Jahre nach Paris kam, den Traum Fotografin zu werden, Paris mit seinen Künstlern, Grenzenlosigkeit, Visionen und Nächten, denen ungefragte Morgen folgten. Lee Miller ist schön, gerade mal zwanzig Jahre, als sie bei Man Ray dem Meister des Surrealismus das Handwerk lernen will. Ihre Möglichkeiten sich auszudrücken vor und hinter der Kamera sind expressiv. Die Ausstellung, die seit Freitag im Martin-Gropius-Bau gemeinsam mit der Albertina Wien das Werk von Lee Miller zeigt, ist keine reine Werkschau einer Fotografin, die später als eine von fünf Kriegsfotografinnen der US-Army im Gedächtnis geblieben ist, vielmehr dokumentiert sie die Sicht einer Frau auf die Jahrzehnte ihres Lebens. Eine Frau, die sich ihrer eigenen Schönheit bewusst gewesen sein muss und gleichzeitig einen Blick für das Alltägliche, eine Ästhetik in der Beobachtung für Formen und Proportionen, Lust auf Details als Anfang einer Emotion hatte. Aus Ihrer Pariser Zeit sind viele Fotografien zu sehen, auf denen sie als Model und Muse mit Man Ray zusammen arbeitet. Ihre Schönheit, versteckt und fokussiert in der Dunkelheit der zwei möglichen Komponenten der schwarz weiß Fotografie, ein Spiel von Licht und Schatten, Geheimnis und erahnter Lust.

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Man Ray and Lee Miller, Neck, Paris 1930

Lee Miller beginnt selbst zu fotografieren, oft sich selbst, als bekanntes Objekt der Studie. Sie experimentiert mit Schatten-Grafik und Proportionen, entscheidet sich für Details des menschlichen Körpers in der Darstellung, der Eleganz einer Wirbelsäule eingebettet in die Rundungen ober- und unterhalb der Taille, genauso wie die scheinbar brutale Gleichgültigkeit des Alltags, wie etwa eine amputierte Krankenhaus-Brust, die sie auf einen Teller drapiert.

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Nude, Lee Miller, Akt, Paris, 1930

Ein Blick für die Schaffung von Bedeutungen, eine Frauenhand mit Ring auf der Klinke einer Glastür oder die Locken einer hoch gesteckten Frisur in aparter Proportion zu den seitlich genähten Blusen-Stoffknöpfen am Halskragen als Fokus einer Bildkomposition.

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Die fokussierten Ambitionen ziehen sich durch Lee Millers Arbeiten hindurch und bekommen in der Zeit nach 1941 einen andere Bedeutung, wenn aus der Ästhetik, Zerstörung und menschliche Gleichgültigkeit wird, ob aufgrund der Unübersehbarkeit und Häufigkeit der Präsenz oder eben als zweite Komponente der menschlichen Gattung bleibt dahin gestellt.

Bilder von Reisen durch Ägypten, Griechenland, Bukarest als Begleiterin ihres ersten Ehemannes, eine Auszeit aus der Hektik der Großstadt-Metropolen. Lee Millers Rückkehr nach Europa zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges, London die Destination und Aufträge für die britische Vogue. Das Leben geht weiter, so das Credo, wohl zu allen Zeiten. Mode-Fotografie im zerbombten London, Eleganz zwischen Schutt-Ziegeln der aus Eingangstüren rinnt. Zerbrechliche Silhouetten unter dem Londoner Himmel, zerfressen vom Geräusch der Bomber. Lee Miller schafft es, selbst die Schönheit und die Freude am Leben hinter Brandschutzmasken (Titelbild: Fire Maske, London, 1941) einzufangen. Auch hier wieder der Blick für das Detail, der es dem Betrachter heute ermöglicht, die Situation so nahe zu bringen.
Lee Miller meldet sich 1942 als Kriegsfotografin bei der US-Army, ist bei der Landung in der Normandie dabei. Ihre Arbeiten zeigen trotz des Krieges, die Anmut der Natur, Ruhe vor dem Sturm, das Meer, das die Schiffe stumm trägt. Vielleicht ist das die große Stärke von Lee Miller, dass bei den Kriegs-Fotografien ein Bezug zur Menschlichkeit, dem Davor oder Danach gegeben bleibt. Unweigerlich stelle ich mir beim Betrachten der Normandie-Fotografien vor, wie Familien ein paar Jahre zuvor, dort durch die Dünen rannten.
Der Bruch ab 1945, dann werden die Arbeiten von Lee Miller brutal, genau, wie das was sie zu sehen bekam, als sie nach Deutschland kam, in Züge blickte, in Lager, auf Berge, die in der Hektik nicht abgetragen worden sind. Die Frage, die sich stellt: Kann ein Täter auch ein Opfer sein? Lee Miller fotografierte, was die Zeit ihr zeigte an vorderster Front, schaute dorthin, wo viele Menschen noch Jahrzehnte danach zu leugnen versuchten.
Lee Miller okkupiert als US-Soldatin. 1945 ist sie in München in Hitlers Wohnung und badet in dessen Badewanne, besetzt den Raum, fotografiert von David E. Scherman. Architektur, Räume werden zu etwas anderem, wenn sie anderes, von anderen, genutzt werden.

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David E. Schermann, Lee Miller in Hitlers Badewanne, München, 1945

Nach Kriegsende reist sie nach Wien, eine zerstörte Stadt, die Frage von Tätern und Opfern zugleich wieder präsent. Lee Miller fotografierte die zerstörten Kunstwerke wie Schloss Belvedere und Albertina, fast geht man davon aus, dass Lee Miller erneut in Friedenszeiten im bekannten Spiel von Licht und Schatten, Ästhetik wieder fortfährt. Berührend die Fotografie einer Opernsängerin, die vor dem zerstörten Opernhaus die „Madame Butterfly“ singt, ein vager Neubeginn, ein Zyklus, der sich neu zu drehen beginnt.

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Irmgard Seefried, Opernsängerin, Lee Hiller, Vienna, 1945

Lee Miller hatte eine große Runde auf dem Karussell der Geschichte von Anfang bis Ende gedreht: von künstlerischem Erwachen, Schönheit, Dekadenz und Zusammenbruch, sie war nicht bereit für eine weitere Runde und zog sich in England gänzlich von der Fotografie zurück, entdeckte die Botanik für sich, Anmut der Zurückgezogenheit.

LEE MILLER – FOTOGRAFIEN
19. März- 12. Juni 2016
Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin

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