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VON SNEAKERN, LEDERJACKEN & AMBIVALENTER SICHERHEIT

VON SNEAKERN, LEDERJACKEN & AMBIVALENTER SICHERHEIT

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Es war ein kurzer Ausflug an einem Abend vergangene Woche in den me Collectors Room in der Auguststraße. Auf dem Fußballplatz nebenan rannten Männer in Vereinsjacken über die Schneewiese. Im Himmel leuchteten aufgesetzte Glaswürfel auf ehemaligen Dachböden. Eine zweite Sphäre, die sich auf den Dächern der Stadt entwickelt hat, eine mit unsichtbaren Straßen, Pools, Terrassen und anderen Zeitabläufen. Ich wollte mir eine Show mit Männermode anschauen.

Für Jungen, heranwachsende, ist es heute scheinbar wichtiger geworden, nicht nur wie sie sich kleiden, sondern welchem Preis-Ranking, Branding ihre Kleidung entspricht. Geburtstagswünsche sind nicht unbedingt mehr Fahrräder oder Geld, um eine Reise nach London oder Hamburg zu machen, eher sind es die sichtbaren Zeichen, die suggerieren, dass sie dazugehören zu einer Gesellschaft, deren Werte sich im kleinsten gemeinsamen Nenner über Besitz definieren lässt. So sind es Statement-Jacken, Trainingsjacken, Sneaker, Uhren, Smartphones und Poloshirts, die als Basisteile zur Garderobe zählen und signalisieren, dass sie einer Gruppe angehören. Das ist nicht neu in der Mode. Neu ist, dass die Definition der Zugehörigkeit sich über Mode definiert, deren Wert ein materieller ist. Eine Hülle der Gleichheit, Konformismus, die mit Clubkultur, Avantgarde, Kunst, Musik aufgeladen wird, um sie als Rebellion der Jugend zu verkaufen.

Mitte Dezember warteten zig junge Männer, die Kleidungsmäßig fast alle gleich aussahen, mit Kapuzenjacken, Fellparkas, Jogginghosen, stundenlang vor der Eröffnung der neuen Sneakerstuff Filiale in der Schönhauser Allee am Rosa-Luxemburg-Platz. Man kann es als Comic-Ende der Berliner Zeit der 90er bezeichnen, dass in der ehemaligen Location des White Trash Clubs eine globale Mode-Marke seinen neuen Berliner Store eröffnet hat. Ein Store der sein Image mit dem Berliner Mythos mittelloser Musiker, einer Clubszene aus der ehemaligen Anarchie Berlins aufgeladen hat. Ein Mythos der mit dem Piepen der Kreditkartenabrechnung für überteuerte Turnschuhe endet. Ist es nicht als Zeichen der Orientierungslosigkeit zu werten, einem Verlust von Träumen, die jenseits einer SALE-Saison liegen? Oder ist andersherum das Anstehen nach Sneakern in der Gemeinschaft eben der Traum, der sich realisieren lässt, Aussicht auf Verwirklichung hat?

Wie soll man jungen Menschen begegnen, die sich aus dem sicher gewähnten Schoß Europas medial und authentisch den globalen Szenarien annähern, wenn es um Verlust und Unsicherheit geht. Welche Werte sollen vermittelt werden, wie antworten, wenn sie nachts aufstehen und sagen: „Mama, in Paris wurden gerade Menschen erschossen.“ Wie soll man antworten, weil das Gegenargument im Raum steht, dass es woanders noch viel schlimmer ist und die Menschen dort jeden Tag mit solchen Ereignissen konfrontiert werden. Verlust der Empathie ein Ergebnis, vielleicht eine Ursache dafür, dass die Jugend in ihrer Empfindsamkeit im digitalem 24/7 Vergleich zum Rest der Welt steht. Das Recht individuell zu empfinden, aufgrund mangelnder Zeitabläufe und Aufmerksamkeit abhandenkommt. Liegt es da nicht nahe, einer Gruppe angehören zu wollen, die groß ist und wenn es nur die Gruppe der Sneaker und Canada Goose Jacken ist, die Sicherheit verspricht.

Auf der anderen Seite die Mode junger Designer, die wie im me Collectors Room (Label Haus of Yoshi X Bom.B) gesehen, sich dito an Mythen der Avantgarde, des Punks, der Rebellion bedienen. So sind es schwere, zu groß wirkende Soldaten-Mäntel und Lederjacken mit weißer Graffiti-Spray, aus dem Fundus vergangener Mode-Jahrzehnte, ergänzt um Multi-Funktionalität und individuelle Details. Ein ambivalenter Ausdruck, dem Wunsch nach Zugehörigkeit und Individualität gerecht zu werden.

Die Mäntel können aufgrund ihrer Übergröße mehrere Funktionen erfüllen, als Decke dienen, versehen mit vielen Taschen und Reißverschlüssen an den Unterarmen zum Verstauen von wichtigen Dingen. Das macht das Design interessant, da es suggeriert, ein Mantel hat das Zeug dazu, vielen Alltagssituationen gerecht zu werden. Lederjacken, eine Hommage an den Punk, die beliebig wird in ihrer Kommerzialisierung. Reißverschlüsse glänzen an Jacken und Hosen, Hemden sind hochgeknöpft unter sportlichen Pullovern.

Graphische Prints suggerieren Leben unter den geraden Schnitten. Feine Dandy Rollis, gute Materialien und die Reisetasche, der Weekender, der Rucksack in spezifizierter Ausfertigung fast jedem Outfit zur Seite gestellt, ein Synonym dafür, zu gehen, wenn es einem nicht passt oder optimistisch ausgedrückt, sich die Welt anzuschauen. Dunkle Farben dominieren und dazwischen ein Junge im religionsblauen Hemd mit langen Haaren. Ein inszenierter Schachzug. Überhaupt sind es vielmehr die Gesichter der Jungen, in die man schaut, die wissen, dass sie gerade von jedem Besucher fotografiert werden und hundertfach in die Welt digitalisiert werden.

 

 

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