MOMENTE AUS KUNST, FOTOGRAFIE, MODE, BERLIN & ANDERSWO

Lillian Bassman Modefotografien: Cocon aus Bohème & Anmut

Lillian Bassman Modefotografien: Cocon aus Bohème & Anmut

posted in Allgemein, Kunst on by with No Comments

Die Ausstellung mit über 50 Arbeiten der Fotografin Lillian Bassman (1917-2012), die zurzeit in der Galerie Camera Work gezeigt wird, gleicht einer Hommage an ein sehr feminines Frauenbild, ohne sich auf eindeutige Aussagen festzulegen. Vielmehr sind die schwarz/weiß Arbeiten in ihren graphischen Kompositionen ein Spiel der Andeutungen und Zeugnis einer vergangenen Epoche der Modefotografie.

Lillian Bassman, deren Eltern 1905 als russische Einwanderer in die USA kamen, war ab dem Ende der 40er Jahre für das Magazine Harper`s Bazaar als Fotografin und für Junior Bazaar als Art Director wegweisend.

Bei der heutigen Betrachtung der Fotografien denkt man nicht zwangsläufig an Modemagazin-Cover oder Editorials, sondern sieht sich einer Aura gegenüber, die Details, Körperhaltung und Accessoires zelebriert. Zu den wichtigsten Details gehören dabei grazile Körperpartien, wie ein blasser Nacken, eine schwungvoll gehaltene Zigarettenspitze oder der Schleiers eines Hutes, der über den perfekt gebogenen Augenbrauen des Models schwebt.

© LILLIAN BASSMAN, BARBARA MULLEN HARPER’S BAZAAR, NEW YORK, C. 1958

Oft hat Lillian Bassman die Models in Cafés, Restaurants, Bars inszeniert und dabei in eine andere Welt entrückt. Der Hintergrund der Fotografien, verschwommene Sujets aus Lichtern und Großstadt-Kulisse, verstärkt diese Inszenierung.  Man hat den Eindruck die Frauen verbringen ganze Tage im Café-Haus. Zeitungen, Kaffeetassen, Kerzenständer Tischtelefone fungieren als angedeutete Details. Elegante Schönheiten im Cocon der Bohème, die als Zuflucht und Existenzberechtigung zu gleich erscheint.

Ich dachte beim Betrachten der Fotografien, dass Stil und Perfektion es durchaus erlauben können, die eigene Herkunft oder soziale Optionen zu kaschieren. Ein Ticket, um an der Welt des Glamours teilzuhaben oder davon zu träumen. Schwere Perlenketten auf nackter Haut und schillernder Ohrschmuck scheinen selbstverständlich, genauso wie das perfekt hoch gesteckte Haar. Der nackte Rücken fokussiert als Stilmittel, ähnlich der Aufforderung, dass genau unter diesem der wunde Punkt liegen könnte.

© LILLIAN BASSMAN, THE V-BACK EVENINGS, SUZY PARKER DRESS BY TRIGÈRE
HARPER’S BAZAAR, NEW YORK, JULY 1955

Sinn für Humor hatte Lillian Bassman, so heißt die Arbeit auf dem ein Model nackt mit schönen Nägeln und teuren Accessoires auf einem Stuhl sitzt: „Krönung des Chics“ oder eine andere Fotografie mit opulentem Pelz: „The Little Jacket.“

Männer erscheinen auf den Fotografien von Lillian Bassman lediglich im Hintergrund, etwa als Kellner, Feuergeber oder zufälliger Begegnung im Fahrstuhl. Fast kommt es mir vor, als ob die Fotografien davon erzählen, dass die Frauen mal schauen, was ihnen das Leben so zu bieten hat. In den Fensterscheiben spiegeln sich manchmal Blicke. Überhaupt sind es die Blicke der Porträtierten, die bei den Arbeiten von Lillian Bassman in die Welt hinausgehen. Ob erwartungsvoll, gespannt oder gespielt gelangweilt, das Leben wird Überraschungen bieten, wenn man nur mondän darauf wartet oder sich auf Reisen macht.

Aboard The Flèche D´Or, Paris 1949

 

Die ausgestellten Lingerie Fotografien von Lillian Bassman sind explosiv und voller Bewegung. Es ist nicht klar, ob das Model sich von der Korsage trennt oder im Begriff ist, sich einzuschnüren. Die Bewegung erinnern an den Flügelschlag eines Vogels, gelöste Strumpfhalter halten die Zeit für einen Moment auf.

It´s A Cinch, Harper`s Bazaar, New York, 1951

Bei fast allen Arbeiten, außer den Lingerie-Fotografien, tragen die Frauen Ohrringe als Deklination des Stils, akkurate Fingerhaltung und Körperspannung bilden eine Symbiose zu den inszenierten Couture-Kleidern, der drapierten Seide.

Lillian Bassman experimentierte mit den Negativen und grafischen Elementen, verstärkte Konturen, löschte andere aus. So verschwinden bei einigen Arbeiten fast die Gesichter. Münder und Augen werden angedeutet, der Blick bleibt auf dem fokussierten Mustern der Kleider hängen. Frau und Kleid werden zu einem Objekt.

Born to Dance, New York, 1950

Ende der 70er Jahre zog sich Lillian Bassman aus der Modefotografie zurück, um anderen fotografischen Projekten Vorrang zu geben. Erst in den 90er Jahren begann sie einige ihrer Negative zu re-interpretieren und wieder für Modemarken und Magazine zu arbeiten.

Black And White, Harper`s Bazaar, New York, 1960

Lillian Bassman, die selber von sich sagte, dass sie seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr gearbeitet hat, gehört vielleicht zu den Frauen, denen eine Partnerschaft sehr wichtig war, um sich aus dieser unabhängig und ständig weiter zu entwickeln. Ihren Ehemann Paul Himmel, der auch als Fotograf arbeitete, lernte sie bereits im Alter von fünf Jahren kennen, um mit ihm zehn Jahre später zusammen zu ziehen und ein Leben lang zu arbeiten.

Auf die Frage eines Interviewers: „Have you ever cared about what people think of you?“

Antwortet Lillian Bassman: „No. Do you? Don´t let them do that to you.“

(Aus: Hall of Femmes: Lillian Bassman, interviewed by Hjärta Smärta, 2010)

LILLIAN BASSMAN AUSSTELLUNG BIS ZUM 18. MÄRZ 2017

Camera Work

Kanstraße 149

10623 Berlin

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.