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Möwen, ein Schloss & die Marina Hoermanseder Show

Möwen, ein Schloss & die Marina Hoermanseder Show

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Ich war auf dem Weg zur Show der Designerin Marina Hoermanseder im Humboldt Forum Unter den Linden. Mit der Straßenbahn vorbei am Brennpunkt Rosenthaler Platz, wo Gerüche und Menschen-Silhouetten glauben lassen, dass es Individualität kaum geben kann. Über die Friedrichstraße biegt die Bahn in Richtung Kupfergraben ab und beim Aussteigen federe ich leicht zurück: Kein Mensch zu sehen und Stille zwischen den alten Häusern, unterbrochen von Schreien der Möwen, die auf der Spree eine urbane Täuschung ihrer Herkunft fanden. Ich merke, wie ich langsamer laufe, jeden Schritt genieße. Vor der Humboldt Universität stehen ein paar Bücherboxen, am Zaun hängt ein von Wind und Wetter gefärbtes Plakat, das offene Sprechstunden für Flüchtlinge anbietet.

Zwei drei Touristen laufen im Abendlicht, das heftige Sommergewitter glänzt auf der Straße nach. Im Lustgarten spiegelt die Fontäne. Kinder hüpfen auf nassen Steinen, die goldene Kuppel des Deutsche Doms verzückt das Gemüt. Ich denke, vielleicht kann man seine Gedanken verlieren und den Zustand ohne etwas zu wollen erreichen, wenn um einen herum keine Hektik ist oder Straßenzüge an vergangene Zeit erinnern, obwohl es auch Pappmaché sein könnte.

Die Show von Marina Hoermanseder findet auf der Großbaustelle des Humboldt-Forums statt. Das neue Stadt Schloss schon errichtet in seiner Fassade, wo einst der Palast der Republik stand. Ich kann mich kaum an ihn erinnern, weit weg scheint das verstrichene Leben. Das Gewitter hat einen Spiegel auf dem grauen Betonboden hinterlassen. Der große Lichthof empfängt einen mit der Aura des vorher Ungesehenen und fasziniert schaue ich an die hohen Fensterportale mit weißen Kreuzen.

Eine Inszenierung, wie sie perfekter kaum sein könnte, als das erste Model nur in weißen Jazzpants und Triangel BH unter gelben Regenmantel minutenlang zwischen den Betonpfeilern steht, bevor es mit energetischen Schritten in weißen Overknee-Stiefeln und russisch gesungener Musik ihren Weg durch den Regenbeton macht, gefolgt von Linsen dritter Augen. Als ich die russischen Sätze in der Melodie höre, erinnere ich mich, dass ich an diesem Ort das Handball-Endspiel der Olympischen Spiele von 1980 in Moskau im Saal des Palastes der Republik gesehen habe. Fast muss ich lachen, als sich ein Model als rote Leder-Matrjoschka in kleinen Tippelschritten und roten Ballerinas mit Puscheln auf den Weg macht. Das slawische Thema zieht sich durch die Präsentation mit Kopftüchern, Vertonung und ohne Melancholie, eher Verzückung eines Schauspiels. Ein Ort, um den viel gestritten wurde und an dem die unbestrittene Vergangenheit anerkannter Werte das Schloss gewonnen hat. Während ich der Musik, den Bildern von Licht der wiederkehrenden Abendsonne nach dem Regen und in Korsagen geschnürten Models folge, denke ich, man kann doch viele Leben haben. Manchmal braucht man dafür nicht die Stadt zu wechseln, die Geschichte ist verlässlich in ihrer Lust an Zirkulation, ähnlich der Mode.

Marina Hoermanseder inszeniert ihr Markenzeichen die Gürtelschnalle von XXL bis zu zarten Streifen an der bereits beständigen Ikonographie ihrer Lederröcke und Korsagen. Unterbrochen durch Sommerkleider mit Blumenmustern, roten Seiden-Anzügen, hüpfenden Volants an Schößchen-Jacken und Tops oder übergroßen Streetwear-Jumpern ist es immer wieder die Marina Hoermanseder Gürtelschnalle, die die Kollektion zusammenhält. Beifall am Ende und der Weg hinaus „Unter den Linden“, die wie leergefegt sind.

1 Comments on “Möwen, ein Schloss & die Marina Hoermanseder Show

  • „Ein Ort, um den viel gestritten wurde und an dem die unbestrittene Vergangenheit anerkannter Werte das Schloss gewonnen hat.“ …

    leider vergessen ist, dass das alte berliner stadtschloss schon damals mehr ähnlichkeit mit einer preußischen kaserne hatte als mit einem schloss. und dass eben diese preußische „baukunst“ nichts anderes zu sagen hatte als „militarismus“, die botschaft der preußen an die welt. dass jetzt diese fassade, die nichts weiter als eine potemkinsche täuschung ist, hochstilisiert wird, reiht sich in die fragwürdigkeiten berliner entwicklungen ein. ein weiterer tummelplatz für touristen. mir berliner sagt dieses forum wenig. gemauso wenig wie vorher erichs lampenladen. am schönsten war die grüne wiese nach dem abriss. inmitten berlins. aber der mythos lebt weiter und da ist ein bißchen russische folklore gemau das richtige am richtigen ort. warum nicht mal eine show mit pepita hüten und dederon windjacken?

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