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Fokussiertes Gesicht oder von der Dekonstruktion in der Mode: Ioana Ciolacu und Vladimir Karaleev

Fokussiertes Gesicht oder von der Dekonstruktion in der Mode: Ioana Ciolacu und Vladimir Karaleev

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Zwei Richtungen fand ich sehr interessant, die ich auf der Fashion Week gesehen habe, die ein anderes Sehen hervorgerufen haben oder vielmehr infrage stellten, was als Gesetzmäßigkeit gegeben scheint.
Zum einen die unaufgeregte Mode, gesehen bei der Designerin Ioana Ciolacu, mit weichen Stoffen und minimalistischen Silhouetten, die wie eine Art wehende Hülle um die Körper liegen und mit leichten graphischen Prints eine visuelle Struktur der Bewegung ermöglichen. Weite Blusen, hochgeschlossen, die scheinbar übergangslos in weite Hosen übergingen und somit den Blick direkt in das Gesicht der Trägerin fokussieren, deren Haare zurück geknotet waren und silberne Ohrringe Anmut signalisierten.

waitamo.deIch erinnerte mich an das Bild von Jan Vermeer „Mädchen mit dem Perlenohrring“, wie ein kleines Schmuck-Detail neben dem Gesicht in eigenständiger Ästhetik, als Orientierung neben der Anziehung natürlicher Schönheit hilft, diese als vergänglich und einmalig zu begreifen.

Zum anderen die Präsentation von Vladimir Karaleev, der mit den Zeichen der Mode spielte, fast kann man sagen, die Möglichkeiten der Dekonstruktion versuchte. Einfach ausgedrückt: Hose scheint nicht Hose und Jacke nicht Jacke. Ärmel hängen dysfunktional herunter. Fäden, Strippen, Stoffteile zeugen von einem unfertigen Prozess, sodass man endlich auch die Gegenwart als Prozess verstehen könnte, der sich dem aktuell fast heiliggesprochenem „Hier & Jetzt“ entzieht, somit auch Vergangenheit und Zukunft mit beinhalten könnte. Halbe Jackenteile hängen über den Schultern, Oberteile wirken falsch herumgetragen, kurz denke ich an das Thema Mensch und Maschine, dass aus den Fugen gerät und ich frage mich, ob wir aus der menschlichen Kleidung herauswachsen oder ob es vielleicht die Möglichkeit gibt, das Menschsein neu zu definieren. Männer und Frauen sehen sich bei Vladimir Karaleev ähnlich, ob in der Mode oder bei den Gesichtern, die unter stark betonten Augenbrauen fast schutzlos wirken. Unter einer weißen Bluse ist eine Brust sichtbar, zart und weiß, bloßgelegt und kaum registriert. Das Symbol der Weiblichkeit eingefügt in den Prozess der Orientierungslosigkeit. Ich mochte die Ironie der Kollektion, die Jacken mit einem Ärmel, die vielleicht auch davon erzählen, dass wir kaum noch Arme und Hände brauchen, um unsere täglichen Aufgaben zu verrichten. Finger sind die neuen Werkzeuge des digitalen Nomadentums. So stellt nach Jacques Derrida die Dekonstruktion die notwendige Bedingung dar, um die totalitäre Gefahr zu identifizieren und der totalisierten Sprache, die man auch auf den Kontext der Mode beziehen könnte, „andere Formen danebenzusetzen“. So spricht sich Jacques Derrida für eine Vielfalt der Welt aus, die das Ausgegrenzte wieder ans Licht bringt: „Der Sinn ist nicht die letzte Schicht eines Textes. An die Stelle des transzendentalen Signifikats tritt die différance.“

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